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BerlinOnline


Datum:   12.10.1996
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, New York

Das Monster aus der Mülltonne

Der berüchtigte Computer-Hacker Mitnick sitzt seit 18 Monaten in Untersuchungshaft

Früher hätte man Kevin Mitnick einfach einen "Hacker" genannt - einen Computerfreund, der per Tastatur und Telefonleitung unbefugt in fremden Computerdateien herumschnüffelt. Inzwischen aber ist Mitnick zum Inbegriff für "Cyberkriminalität" geworden. 25 schwerwiegende Anklagepunkte - zum Beispiel Softwarediebstahl - sollen das Computergenie dauerhaft hinter Gitter bringen. Die kalifornische Justiz will die Verfolgung von Computer-Kriminalität an ihm exemplarisch vorführen.

Streng bewacht sitzt Mitnick in einem Gefängnis in Los Angeles. Zwar bewundert die Computer-Gemeinde seine Fähigkeiten, doch die breite Öffentlichkeit will in dem 33jährigen ein Monster des Internet-Zeitalters erkennen. Einen gemeingefährlichen Computer-Vampir, der die digitalen Lebensadern der Informationsgesellschaft anzapft.

Im Februar 1995 schnappte das FBI in North Carolina den damals seit drei Jahren flüchtigen Mitnick nach einer dramatischen Spurensuche. Der erste Prozeß im Bundesstaat North Carolina verlief unerwartet glimpflich. Mitnick gab zu, gefälschte Funktelefonnummern benutzt zu haben. Als Gegenleistung ließ die Staatsanwaltschaft 22 von 23 Klagepunkten fallen. Jetzt steht Mitnick in Los Angeles vor Gericht, und dort geben sich die Staatsanwälte weit weniger freundlich. Wenn im nächsten Jahr das Urteil gesprochen wird, soll die Botschaft lauten: Computerkriminalität ist keine Kleinigkeit.

Kevin D. Mitnick ist, trotz seiner 33 Jahre, immer noch ein kleinwüchsiger Junge mit Magenproblemen und traurigen Familienverhältnissen. Seine Eltern ließen sich scheiden als er drei Jahre alt war. Seine Mutter war drogenabhängig; sein Bruder starb an einer Überdosis.

Mit 17 knackte Mitnick seinen ersten Computer, den seiner High-School. Die Datei mit seinen Zensuren rührte er nicht an - wie den meisten Hackern reichte es ihm, das System überlistet zu haben. Der erfolgreiche "Einbruch" verschaffte Mitnick Respekt und Freunde in der Hackerszene. Mit ihnen wühlte er nächtens in den Mülltonnen der Telefongesellschaft "Pacific Bell" auf der Suche nach achtlos weggeworfenen Bedienungsanleitungen für das weltweit größte Telefonnetz. Alsbald konnte Mitnick sich mühelos in die Computer von "Pacific Bell" einhacken. "Phone Phreaking" (zu deutsch etwa "Toben per Telefon") hieß das amüsante Spiel - mit kostenlosen Endlostelefonaten um die Welt oder dem spitzbübischen Abfangen von Anrufen an die Auskunft: "Ist der gesuchte Teilnehmer schwarzer oder weißer Hautfarbe, wir führen getrennte Telefonbücher", lautete ein Standardscherz, mit dem Mitnick Auskunftsuchende verwirrte.

Damals, so heißt es, sei Mitnick auch in das militärische Computersystem von NORAD eingedrungen, dem nordamerikanischen Kontrollzentrum für Luftraumverteidigung. Die Geschichte wurde zur Vorlage für den Spielfilm "War Games". So entstand das Schreckgespenst vom verspielten Computerhacker, der per Telefon versehentlich einen Atomkrieg auslösen kann.

Die Polizei erwischte Mitnick schließlich in flagranti in einer Mülltonne von "Pacific Bell". Die Strafe: sechs Monate auf Bewährung. Mitnick konnte es dennoch nicht lassen. Der telefonische Einbruch in einen Universitätscomputer brachte ihn wenig später für ein halbes Jahr hinter Gitter.

Auch der Gefängnisaufenthalt brachte keine Besserung. Wie ein Heroinsüchtiger nach dem nächsten Schuß, so war Mitnick süchtig nach dem nächsten "Hack". Und immer, so scheint es, nicht um sich zu bereichern, sondern aus Spaß an der Herausforderung.

1988 wurde Mitnick erneut verhaftet, diesmal wegen eines Software-Diebstahls bei einem Computerhersteller. Wiederum hatte Mitnick nicht einmal versucht, sich an der gestohlenen Software zu bereichen. Trotzdem mußte er für ein Jahr ins Gefängnis. Um seine Hack-Sucht zu überwinden, absolvierte er ein für Drogensüchtige konzipiertes Entzugsprogramm. Eine Bewährungsauflage verbot Mitnick, Computer zu benutzen, die sich mittels eines Modems ins Telefonnetz einwählen konnten.

Vergeblich. 1992, nach dem Herointod seines Bruders, trieb es Mitnick erneut ins Computernetz. Als das FBI ihn befragen wollte, tauchte er unter. Während seiner dreijährigen Flucht blieb er mit Freunden per Internet in Kontakt. Funktelefone mit gefälschten Rufnummern, "erhackte" Konten bei örtlichen Online-Diensten und ein Notebook-Computer ermöglichten ihm, im Internet präsent zu bleiben, während er von der Oberfläche der "wirklichen" Welt verschwand. Geld verdiente sich Mitnick unter falschen Namen als Computerspezialist in diversen Krankenhäusern.

Ist Mitnick das böse Phantom des Internets? Eine von ihm angeblich erhackte Datei mit über 20 000 Kreditkartennummern hat er jedenfalls nie benutzt. Praktischen Schaden hat Mitnick kaum angerichtet. Doch er ist der ideale Bösewicht, um den verbreiteten Ängsten vor der vernetzten Gesellschaft eine menschliche Gestalt zu geben. Und die amerikanische Justiz, hoffnungslos überfordert mit neuen Rechtsproblemen, die von Verschlüsselungssoftware bis zu Copyright im Cyberspace reichen, sieht eine willkommene Gelegenheit, Stärke durch Unnachgiebigkeit zu demonstrieren.

Allerdings: In Amerika grassiert das Internet-Fieber - und bisher haben sich andere "Hacker" vom Fall Mitnick noch nicht abschrecken lassen. Jüngstes Beispiel: Präsidentschaftsbewerber Bob Dole würzte seinen Abschlußsatz in der Fernsehdebatte mit Bill Clinton am vergangenen Sonntag mit einem Verweis auf den Dole-Kemp-"Website" im Internet, eine Art elektronische Werbebotschaft. Hacker wirbelten den "Website" noch am selben Abend für über 24 Stunden völlig durcheinander und bewirkten als Krönung ihres Schaffens, daß Doles Internet-Besucher unfreiwillig zum Clinton-Gore-"Website" weitergeleitet wurden. Wenigstens hier dürfte übrigens eine Täterschaft des inhaftierten Kevin Mitnick ausgeschlossen sein. Oder vielleicht doch nicht? +++

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