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BerlinOnline


Datum:   06.12.1996
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, New York

Tödliche Schüsse nach unliebsamer Umarmung

"Talkshow-Mörder" muß für 25 Jahre ins Gefängnis

Sie nennen ihn den "Talkshow-Mörder": Weil Jonathan Schmitz in einer Fernsehsendung überraschend mit einem homosexuellen Bekannten konfrontiert wurde, tötete er diesen später. Jetzt muß Schmitz für 25 Jahre hinter Gitter. Das Urteil wurde am Mittwoch von einem Richter in Pontiac im US-Bundesstaat Michigan verkündet.

Schmitz war am 6. März 1995 Gast in einer Aufzeichnung der "Jenny Jones"-Talkshow zum Thema "heimliche Verehrer" aufgetreten. Der 26jährige wußte lediglich, er werde jemanden treffen, der "ein Auge auf ihn geworfen" habe. Schmitz rechnete mit einer weiblichen Verehrerin. Als er in der Sendung dann dem 32jährigen Scott Amedure gegenübersaß, fühlte er sich nach eigenen Angaben gedemütigt. Amedure verkündete, er sei in Schmitz "verknallt" und umarmte diesen vor laufender Kamera. Drei Tage später erschoß Schmitz Amedure mit einem Schnellfeuergewehr in dessen Wohnung.

Nach der Tat meldete sich Schmitz, der von Amedure auch einen Liebesbrief und ein Geschenk bekommen hatte, telefonisch bei der Polizei. In hysterischem Ton gestand er, Amedure wegen der Liebeserklärung in der Jenny-Jones-Show erschossen zu haben.

Mit ihrem vergleichsweise milden Schuldspruch folgte die 12köpfige Jury zumindest teilweise der Argumentation der Verteidigung. Diese hatte auf begrenzte Schuldfähigkeit plädiert. Schmitz habe Alkohol- und Drogenprobleme, sei manisch-depressiv und habe bereits viermal versucht, sich umzubringen. Den Mord an Amedure versuchte die Verteidigung in einen "fünften Selbstmordversuch" umzudeuten. Der "Hinterhalt" in der sensationsheischenden Talkshow sei für den Mord mitverantwortlich.

Mildernde Umstände bei Verbrechen gegen Homosexuelle sind in den USA nichts Neues: Besonderes Aufsehen erregte 1979 das Urteil gegen Dan White, der den damaligen Bürgermeister von San Francisco, George Moscone, und Harvey Milk, einen Schwulenaktivisten, erschossen hatte: Verminderte Zurechnungsfähigkeit durch Depressionen in Verbindung mit "Junk Food" brachten White seinerzeit eine milde Verurteilung für Totschlag ein und bewahrten ihn vor dem Gefängnis.

Die politische Schwulengruppe "Triangle Foundation" bezeichnete den Mord von Schmitz an Amedure als "Haßverbrechen" ("hate crime"), also als ein Verbrechen gegen ein Mitglied einer diskriminierten Minderheit. "Hate crimes" werden in vielen US-Bundesstaaten besonders schwer bestraft. Die Rolle der Talkshow, so Triangle-Präsident Jeffrey Montgomery, sei überbewertet und hätte die Jury von dem eigentlichen Sachverhalt abgelenkt: "Wäre Scott Amedure nicht schwul gewesen, dann würde er heute noch leben."

Besonders absurd verlief der Gerichtsauftritt von Moderatorin Jenny Jones: Ihrer Aussage zufolge weiß sie praktisch nichts über die Show, die ihren Namen trägt. Sie lese lediglich den Text vom Teleprompter. Auf die Frage, ob sie versuche, die Gäste ihrer Sendung zu möglichst emotionalen Aussagen zu animieren, antwortete die ansonsten sehr redegewandte Moderatorin: "Ich weiß nicht." +++

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