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BerlinOnline


Datum:   26.03.1997
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, Miami

"Lebende Leichen" an der Wall Street

Zehn Jahre Act Up / 72 Festnahmen bei Aids-Demo in New York

Zehn Jahre alt - und ein bißchen leiser: 250 Anhänger der für ihre Schocktaktiken legendären Aids-Bewegung Act Up demonstrierten am Montag morgen vor der New Yorker Börse, um ihr 10jähriges Bestehen zu feiern und gegen die überhöhten Preise für Aids-Medikamente zu protestieren. In alter Tradition legten sich die Aktivisten als "lebende Leichen" auf die Straße und blockierten den Verkehr. Es kam zu 72 Festnahmen und Prügeleien mit der Polizei.

Die Aktionen der Gruppe reichten von der lautstarken Unterbrechung einer Predigt des schwulenfeindlichen New Yorker Kardinals John O'Connor bis zum Anbringen blutfarbener Handabdrücke an den Hauswänden von New York und anderer Weltstädte. Den US-Nachrichtenmoderator Dan Rather überraschten die Aktivisten 1991, als sie vor laufender Kamera in das Studio der "CBS Evening News" einbrachen.

Doch inzwischen versammeln sich zu den regelmäßigen Treffen der Gruppe in New York nur noch 50 Aktivisten - wo sich noch vor wenigen Jahren bis zu 700 zusammenfanden. Viele der Gründerväter sind inzwischen an Aids gestorben, andere sind vom lärmenden Aktivisten zum Aids-Lobbyisten mutiert.

Vor allem aber hat Act Up viele seiner Ziele erreicht: bei der ersten Demonstration am 24. März 1987 (ebenfalls vor der New Yorker Börse) hatte das Nationale Gesundheitsinstitut der USA ein Jahresbudget von 290 Millionen Dollar für seine Aids-Forschung. AZT war das einzig zugelassene antivirale Aids-Medikament. Heute beträgt der Jahresetat 1,5 Milliarden Dollar und es gibt zehn zugelassene antivirale Medikamente. Bei der Demo vom Montag besann sich Act Up wieder auf seine alten Qualitäten: Aktivisten verstreuten Hunderte von leeren Medikamentenpackungen auf den Straßen. Anders als bei der ersten Demo vor zehn Jahren schafften es die Protestierenden jedoch nicht, den Börsenhandel zu unterbrechen. +++

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