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BerlinOnline


Datum:   09.04.1997
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, Miami

Das Internet als globale Gerüchteküche

Der Modemacher Tommy Hilfiger wehrt sich mit professioneller Hilfe gegen Rassismus-Vorwürfe im Cyberspace

Kennen Sie das Grundrezept für die Internet-Gerüchteküche? Man nehme ein Stück fiesen oder auch begründeten Tratsch, mische ihn mit reichlich E-mail-Hefe und lasse ihn dann in den Usenet-Konferenzgruppen des Internets ein paar Wochen gären. Schon bald wird das Gerücht, riesig aufgebläht, aus dem Netz in die echte Welt hineinquellen. Dort kann es dann nur noch von professionellen PR-Firmen bekämpft werden. So geschehen unlängst mit dem US-Modedesigner Tommy Hilfiger.

Hilfiger, so kursierte es in zahlreichen Internet-Mitteilungen seit November, habe sich in der "Oprah Winfrey"-Fernsehtalkshow rassistische Bemerkungen gegen Schwarze erlaubt. Winfrey, selber schwarz, habe ihn darauf aus dem Studio geworfen. Einem anderen Gerücht zufolge hat Hilfiger in einem CNN-Interview Asiaten vom Tragen seiner Kleidung abgeraten. Sie sähen darin nicht gut aus.

Die Wahrheit: weder Winfrey noch der zitierte CNN-Reporter haben Hilfiger jemals getroffen. Hilfiger schlug nun mit gleichen Waffen zurück. In einer Internet-Mitteilung ("Posting" auf Cyberdeutsch) verkündete er die Wahrheit und setzte hinzu: "Hilfiger möchte, daß Menschen aller Herkunft Freude an seiner Kleidung haben."

Der Vorfall beweist einmal mehr die Effektivität des "wirkungsvollsten planetaren Gesprächsmediums in der menschlichen Geschichte" (so ein US-Gericht über das Internet). Anders als in der "echten" Welt, kann jeder Internet-Benutzer beliebige Informationen mit einem einzigen Mausklick an alle seine Bekannten - oder auch an Zehntausende von Unbekannten in Sekundenschnelle weiterleiten. Landesweite oder gar weltweite Kampagnen, früher allenfalls per Bürgerinitiative möglich, können heutzutage von Einzelpersonen gestartet werden.

Wer als Gerüchtestreuer anonym bleiben möchte, kann dabei relativ einfach seinen Absender fälschen. Eine Nachfrage im allgemein zugänglichen Internet-Mitteilungsarchiv "Dejanews" (http://www.dejanews.com) erbrachte beispielsweise Nachrichten von einem Menschen mit der E-Mail-Adresse des Weißen Hauses. Darunter ein "Posting" aus der Konferenzgruppe "alt.sex.incest" - welches kaum vom Präsidenten stammen dürfte. Auch die Verursacher der Hilfiger-Gerüchte bleiben auf diese Weise anonym.

Ein Hinweis auf die Urheber der Storys mag sein, daß die teure Kleidung des Designers in den USA besonders unter schwarzen Jugendlichen populär ist. "Offensichtlich hat seine Konkurrenz das Gerücht in die Welt gesetzt", heißt es denn auch spekulierend im Netz. Und ein "Poster" aus der Konferenzgruppe "rec.music.hip-hop" kommentiert: "Ob die Gerüchte nun stimmen oder nicht, Fakt bleibt, daß die schwarze Minderheit völlig verrückte Geldbeträge für eine überbewertete und überteuerte Kleidung ausgibt, um sich eine Art von Pseudo-Upper-Class-Identität zu geben."

Auch Patricia Turner, Professorin für "Black Studies" an der Universität von Kalifornien, sieht in dem Hilfiger-Gerücht ein gezielt lanciertes Korrektiv: "Für manche Jugendliche ist es leichter, auf den Kauf der teuren Kleidung zu verzichten, wenn Sie sagen können: ,Hast du nicht gehört, was Hilfiger bei Oprah gesagt hat?'" Mit einem weiteren Satz zeigt Turner, wie die Kampagne gegen Hilfiger unweigerlich ihr Ziel erreicht: "Vielleicht", so die Professorin in der "Los Angeles Times", "sollten die schwarzen Jugendlichen ihr Geld wirklich eher für Bücher ausgeben als für Designerkleidung." Was im Internet als Klatsch begann, erhält so letztlich den indirekten Segen einer Professorin, zitiert von Zeitungen in aller Welt. Ein Alptraum für die PR-Abteilung von Tommy Hilfiger. +++

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