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Datum:   16.05.1997
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, Miami

Eine Weltreise mit pädagogischem Anspruch

Auf der Route ihres verunglückten Vorbildes fliegt eine Texanerin um die Erde - heute kommt sie an die Absturzstelle

Die texanische Geschäftsfrau Linda Finch fliegt in einem Oldtimer-Flugzeug um die Welt - und berichtet dabei live per Internet. Heute macht sich Finch auf jene Etappe, auf der ihr großes Fliegervorbild Amelia Earhart vor 60 Jahren spurlos verschwand.

In Kalkutta erwartete sie der Gouverneur; in Tunis tanzten Kinder ihr zu Ehren; und in Malaga zeigten ihr örtliche Würdenträger das Geburtshaus von Picasso. Kaum hat Linda Finch ihr silberglänzendes Zweipropeller-Flugzeug verlassen, wird sie wie eine Mischung aus Heldin und Staatsgast gefeiert.

Seit dem 17. März fliegt die Texanerin in einer 60 Jahre alten Electra 10E um die Welt. Mit der gestrigen Landung in Nadzab, Neuguinea, hat die Pilotin gute zwei Drittel der 46 000 Kilometer langen Strecke hinter sich gebracht.

Zunächst einmal ist der Flug die reine Nostalgie: Eine Bruchlandung im Pazifik tötete vor fast genau 60 Jahren die legendäre Pilotin Amelia Earhart; auf einer fast identischen Route wie Finch wollte Earhart als erste Frau die Welt umrunden, ebenfalls in einer Electra. Mit ihrem Flug will Linda Finch nun ihr großes Flieger-Vorbild ehren und deren tödlich ausgegangenes Abenteuer doch noch zu Ende führen. Der Turbinenhersteller Pratt & Whitney sponsert die Tour mit vier Millionen Dollar - und Ersatzteilen für die alten Motoren der Electra, von der weltweit nur noch zwei Maschinen in Betrieb sind.

Der für heute geplante Streckenabschnitt zur pazifischen Inselrepublik Nauru ist der wichtigste: Denn auf dieser Etappe verschollen vor 60 Jahren Amelia Earhart und ihr Copilot. Über der mutmaßlichen Absturzstelle wird Finch einen Kranz abwerfen.

Mit ihrem Flug um die Welt folgt Finch aber auch einer Art pädagogischem Impetus. Kinder in aller Welt will sie inspirieren, "ihre Träume zu verfolgen und Grenzen zu überschreiten". Schulklassen an High-Schools in ganz Amerika verfolgen die Tour fasziniert im Internet. Unter der Web-Adresse www.worldflight.org blinkt auf einer Weltkarte die aktuelle Position der Electra - jede Viertelstunde ermöglicht modernste Satellitentechnik in dem Oldtimer mit dem Baujahr 1935 die Aktualisierung der Koordinaten. Und ebenfalls per Satellit versendet Finch tägliche Tagebuchnotizen: "Bei Ankunft in Luxor alles super. Bürgermeister war am Flughafen. Wirklich nett."

Schüler einer Mittelschule in Safford verfolgen die Vorbereitungen des Finch-Fluges bereits seit August, haben ein Modell des Flugzeugs gebaut und Teile der World-Flight-Homepage auf dem Internet entwickelt. Ein paar Mausklicks weiter indes darf der Sponsor Pratt & Whitney werben; und wieder an anderer Stelle können Fans entweder für 35 Dollar einfaches oder für 2 500 Dollar Platin-Mitglied im "World Flight Club" werden. Die sentimentale Wiederauflage der Weltumrundung steht somit auch für jene typisch amerikanische Mischung aus persönlichem Idealismus und kommerzieller Unbekümmertheit.

Und für den uramerikanischen Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten. "Dieser Flug mit seinen 38 Stationen zeigt, wie man ein Ziel in Etappen erreichen kann", erzählt Finch den jungen Neugierigen auf den Flughäfen der Welt. "Ich denke nie an die ganze Reise, sondern immer nur an das jeweilige Teilstück." Zudem ermuntert Finch vor allem Mädchen, "über die für Frauen gesetzten Grenzen hinauszugehen".

Auch Finch-Vorbild Amelia Earhart kämpfte bereits 1916 als 19jährige für das Recht von Frauen, einen eigenen Beruf zu wählen. Zwei Jahre später nahm sie ihre erste Flugstunde, 1922 setzte sie einen ersten Rekord, als sie mit über 4 000 Metern höher als je ein Mensch zuvor flog. 1932 überquerte sie dann als erste Frau und zweiter Mensch überhaupt in einem Alleinflug den Atlantik. Seit dem historischen Erstflug von Charles Lindbergh fünf Jahre zuvor hatten 14 Piloten bei ähnlichen Versuchen ihr Leben verloren.

Auch Linda Finch hat das Zeug zum Rollenvorbild: Mit 22 Jahren verzichtete sie täglich auf das Schulmittagessen, um so wöchentlich 18 Dollar für Flugstunden zu sparen. In den 70er Jahren gründete sie eine Kette von Altersheimen und ein Bau-Unternehmen; ihre Firmenzentrale hat die leidenschaftliche Pilotin (8 000 Flugstunden) heute in einem Flugzeughangar. Und Todesfurcht kennt Finch anscheinend nicht. Nach langem Drängeln gelang es ihr, als erste Frau in die waghalsige Kunstfliegerstaffel der "Confederate Air Force" aufgenommen zu werden. +++

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