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BerlinOnline


Datum:   17.05.1997
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, Miami

Drei Todesfälle und viele Millionen Umsatz

Eine Reihe von Rap-Musikern, die Opfer von Gewaltverbrechen wurden, führen in den USA die Hitparaden an

Eine stilisierte Gewehrkugel kennzeichnet in den US-amerikanischen Popcharts die jeweils rasantesten Aufsteiger. Daß gleich drei Chart-Anführer der vergangenen Monate an ebensolchen Kugeln eines gewaltsamen Todes starben, erscheint da wie ein makaberer Zufall. Doch der Tod verkauft sich offenbar gut.

Aktuellstes Beispiel: Gangsta Rap-Sänger Notorious B.I.G., auch bekannt als Christopher Wallace. Ein Kugelfeuer aus halbautomatischen Pistolen durchsiebte den Sänger im März in seiner überlangen Luxuslimousine auf einem Highway in Los Angeles. Seit vier Wochen rangiert Wallace nunmehr auf Platz eins der US-Popcharts. Im vergangenen November war sein Rap-Kollege Tupak Shakur - ein halbes Jahr vor B.I.G. ebenfalls in einer Limousine einem Kugelhagel erlegen - mit seiner neuen Platte "The 7 Day Theory" sofort an die Spitze der Hitparade geklettert. Das war zwei Monate nach seinem Tod.

Und dann wäre da noch die texanische Sängerin Selena. Die 1995 von der Chefin ihres Fan-Clubs erschossene Künstlerin hatte vor ihrem Tod erst vier Songs ihres neuen Albums fertiggestellt. Zwei Monate nach ihrem Tod erreichte das Album "Dreaming of You" sofort die Spitze der Charts - mit 331 000 verkauften Exemplaren an einem Tag. Das hat keine Sängerin vor ihr geschafft.

Daß der Tod bei Plattenverkäufen hilft, ist in der Musikbranche nichts Neues: Elvis Presleys Einnahmen stiegen nach seinem Tod 1977 um 40 Prozent. Und John Lennons Album "Double Fantasy" erreichte in den ersten zwei Monaten nicht mehr als Platz 11. Erst nach Lennons Ermordung am 8. Dezember 1980 belegte es Platz eins.

Doch noch nie hat es so viele, so junge und so vielversprechende Künstler wie im Falle Selena (23 Jahre), Notorious B.I.G (24) und Shakur (25) so kurz hintereinander getroffen. Die Gewehrkugel-Logos in den Charts sind eines unter vielen Elementen gespenstischer Todessymbolik, die den Fans eine wohlige Gänsehaut verursachen. Tupak Shakurs Plattenfirma beispielsweise führt den düsteren Namen "Death Row Records" - benannt nach der "Todes-Warteschlange" von Schwerverbrechern, die im Gefängnis ihrer Hinrichtung entgegensehen.

Notorious B.I.G. trieb es mit der Todessymbolik auf die Spitze: 1994 debütierte er mit dem Album "Ready to Die" ("Bereit zum Sterben"). Sein aktuelles Album hatte er noch "Life after Death" ("Leben nach dem Tode") getauft - kurze Zeit später trafen ihn die Kugeln. In einem der Songs singt er: "Du bist ein Niemand - bis Dich jemand umbringt."

Im Internetkonferenzforum "rec.music.hip-hop" erzählen sich die Fans bereits die wildesten Gerüchte. Shakur und B.I.G. seien in Wirklichkeit quicklebendig, ihre Ermordung nur ein Publicity-Scherz. Demnächst würden die beiden Rap-Artisten in einer riesigen Show von den Toten auferstehen und ihre Umsätze erneut dramatisch hochtreiben.

Alan McDonald, Marketing-Chef der Plattenladenkette "HMV Records" ist überzeugt, daß alle drei Alben auch ohne die Morde Bestseller geworden wären. Die Berichterstattung der Medien hätte aber naturgemäß bei den Fans zu einer "intensiveren Wahrnehmung" geführt. Standardprozedur von Plattenfirmen sei es, bei solchen Todesfällen alle Werbekampagnen einzustellen - "damit wir nicht in den Verdacht kommen, von den Morden zu profitieren", so McDonald.

Der Stopp der Werbekampagne schien im Falle B.I.G. besonders angebracht. Für sein Album "Leben nach dem Tod" hatten sich die Werbestrategen noch zu Lebzeiten des Künstlers einen besonderen Gag ausgedacht: Särge als Verkaufsdekoration in den Plattenläden. +++

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