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Die letzten Worte vereinsamter SeelenBuch präsentiert Abschiedsbriefe von SelbstmördernManche horten Briefmarken, andere Münzen. Und der amerikanische TV-Journalist Marc Etkind sammelt Abschiedsbriefe von Selbstmördern. In einem Buch mit dem Titel " oder nicht sein" präsentiert er die ungewöhnliche Sammlung jetzt der Öffentlichkeit. "An meine Freunde: Meine Arbeit ist getan. Warum warten? G.E.", schrieb beispielsweise George Eastman, Gründer des Foto-Imperiums Eastman Kodak vor seinem Freitod. "Wau Wau und auf Wiedersehen", so die letzten Worte eines Hundebesitzers an seinen Vierbeiner. "Frohe Weihnachten" wünschte ein Teenager seiner Familie per Abschiedsbrief. Geschmacklose Lektüre? Etkinds Buch gleicht in gewisser Hinsicht einer Plattenveröffentlichung mit den letzten Gesprächen aus den Cockpits abstürzender Flugzeuge. In seinem Vorwort gesteht Etkind denn auch: "Dieses Buch ist Pornographie." Die Lektüre mache den Leser unweigerlich zum "sadistischen Voyeur, der den Schmerz eines anderen in eigenen Genuß verwandelt." Abschiedbriefe sollten eigentlich nicht, so Etkind, "von Fremden gelesen werden". Seine moralischen Bedenken halten den Autoren indes nicht davon ab, auf 108 Seiten verschiedenste Varianten des Freitodes anhand von Abschiedsbriefen zu beschreiben. Da wäre das Kapitel "Haß und Liebe": "Liebe Betty, ich hasse Dich. In Liebe, George", schrieb jemand, der sich aus Liebeskummer umbrachte. Wie viele seiner Leidensgenossen wollte er mit seinem Abschiedsbrief nachhaltige Gewissensbisse produzieren, vermutet Etkind. In weiteren Kapiteln beschäftigt er sich mit den letzten Worten von Künstlern: "Auf Wiedersehen, mein Freund, und sei glücklich - es soll möglich sein auf Erden" (Heinrich von Kleist) oder "Denkt dran: es ist besser zu verbrennen, als langsam zu verblassen" (Rockstar Kurt Cobain). Auch politisch motivierte Selbstmorde werden aufgeführt (vom japanischen Kamikazepiloten bis zum palästinensischen Selbstmordattentäter) sowie der Sektenführer Jim Jones, der sich zusammen mit 900 Anhängern im guyanischem Dschungel vergiftete. In den letzten Sekunden vor dem Massenselbstmord hielt Jones über Lautsprecher eine dramatische Ansprache: "Leute, es ist nur ein Getränk. Es wird euch nur schläfrig machen. Schlaf Tod ist doch nichts anderes als Schlaf." Nur einer von fünf Selbstmördern hinterläßt einen Abschiedsbrief, schreibt Etkind. Und in New York City sterben seinen Angaben nach Polizisten öfter durch Selbstmord, als durch Mord. Entgegen landläufiger Vorstellungen falle die höchste Selbstmordrate nicht auf den trübseligen Winter, sondern auf die Frühlingsmonate Mai und Juni - und zwar nicht bei Voll-, sondern bei Neumond. Am eigentümlichsten berührt Etkinds Kapitel über "virtuelle Selbstmorde" in den Konferenzforen des Internets. In elektronischen Gesprächsgruppen "posten" vereinsamte Seelen ihre Abschiedsbriefe, lesbar für Millionen Menschen in der ganzen Welt. "Alles was ich will, ist eine Umarmung, verdammt noch mal", zitiert Etkind beispielsweise die Email eines Selbstmordkandidaten. Im Gespräch versicherte Autor Marc Etkind, selber nicht selbstmordgefährdet zu sein: "Ich bin ein ziemlich erfolgreicher Fersehproduzent." Seine Beschäftigung mit den Abschiedsbriefen sei nichts anderes als ein Hobby. Sicherheitshalber konsultierte er aber trotzdem einen Psychologen - nicht um seinetwillen, sondern um zu erfahren, ob die Lektüre des Buches bei selbstmordgefährdeten Lesern womöglich die Verzweiflungstat auslösen könnte. Die beruhigende Auskunft: die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema verringere Selbstmordtendenzen eher - außer bei Teenagern. Deren Selbstmorde kommen deshalb in dem Buch sicherheitshalber auch nur am Rande vor. +++ [zurück zu den Suchergebnissen] [Neue Suchanfrage] [Weitere Artikel vom 23.05.1997]
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