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BerlinOnline


Datum:   05.06.1997
Ressort:   Nachrichten
Autor:   Marc Fest, Miami

Warteschlange des Todes

Im US-Bundesstaat Texas werden auf Anordnung der Justiz so viele Straftäter exekutiert wie nie zuvor

Kurz nachdem der Gefängniswärter den 50jährigen Billy Joe Woods zur Exekution auf die Bahre geschnallt hatte, injizierte eine elektronische Pumpe drei Giftstöße in die Vene des Mörders. Woods hustete, atmete heftig ein, zum letzten Mal in seinem Leben. Erst setzte die Bewußtlosigkeit ein, dann der Herz- und schließlich der Atemstillstand. "Jeder schwere Verkehrsunfall bietet stärkere Schreckensbilder", beschrieb später ein Reporter von der "Los Angeles Times" die Todeszene im Staatsgefängnis der texanischen Stadt Huntsville. Offenbar hat die Todesstrafe in Amerika ihren Schrecken verloren.

Es war eine von acht Hinrichtungen in Texas allein im April. Ein historischer Höchststand, den der US-Bundesstaat bereits in diesem Monat mit elf weiteren Hinrichtungen übertreffen wird. Nur North Carolina exekutierte innerhalb eines Monats mehr Menschen. Das war 1920. In Texas wird weit öfter exekutiert, als in jedem anderen Bundesstaat: 123mal seit der Wiedereinführung der Todesstrafe, davon 17mal allein in diesem Jahr. Florida und Virginia liegen mit jeweils 39 Hinrichtungen auf Platz zwei. Seine Spitzenstellung verdankt Texas vor allem Johnny Holmes. Als Staatsanwalt in Houston hat er mehr Todesstrafen erkämpft, als jeder andere Ankläger. Sein Motto: "Wenn Du hier jemanden umbringst, dann wird der Staat Texas Dich umbringen."

"Wir haben hier sehr viel mehr Cowboys und Biertrinker als etwa die Kalifornier", versucht Al Schrank, ein Geschworenenvorsitzender aus Harris County, den traurigen Rekord zu erläutern, "der Wilde Westen ist in Texas immer noch quicklebendig."

Ein vor kurzem vom obersten texanischen Gericht bestätigtes Gesetz, welches zum Tode Verurteilten die Berufung erschwert, treibt die Hinrichtungszahlen zusätzlich in die Höhe. Der Zeitraum zwischen Verurteilung und Exekution soll in Texas so von durchschnittlich acht auf fünfeinhalb Jahre verringert werden. In den restlichen Bundesstaaten müssen Verurteilte zwischen zehn und fünfzehn Jahre in der "Death Row" ("Todeswarteschlange") auf ihre Hinrichtung warten - bis sie alle ihre Berufungsmöglichkeiten ausgeschöpft haben.

75 Prozent aller Amerikaner befürworten derweil die Todesstrafe - auch wenn die Argumente wenig überzeugend sind. Zum einen läßt sich ein Abschreckungseffekt nicht nachweisen. Zum anderen spart der Staat kein Geld durch die Exekution von Kapitalverbrechern, wie es viele Befürworter unterstellen. Die Gerichtskosten für die obligatorischen Berufungsprozesse verursachen dem Staat Florida beispielsweise pro Exekution Kosten von 3,2 Millionen Dollar. Eine Gefängnisstrafe für 45 Jahre kostet dort dagegen nur 535 000 Dollar. Bleibt nur noch der fragwürdige Rückgriff auf die Bibel: "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Auch immer wieder auftretende Pannen bei den Hinrichtungen beirren die Amerikaner nicht. Bei einer Hinrichtung mittels Gas im September 1983 etwa hämmerte der Verurteilte selbst nach acht Minuten immer noch seinen Kopf im Todeskampf gegen ein Stahlrohr; die Wärter schlossen diskret die Vorhänge zum Zuschauerraum. Im Mai 1994 verstopfte der Schlauch einer Todesspritze: John Wayne Gacy brauchte 18 qualvolle Minuten zum Sterben. Im März sorgte Floridas elektrischer Stuhl mit dem Spitznamen "Old Sparky" ("Alter Funke") für Schlagzeilen, als der Kopf des 39jährigen Pedro Medina plötzlich in 20 Zentimeter hohen Flammen stand. Vergangenen Samstag befand ein Gericht nun, daß "Old Sparky" bis auf weiteres nicht benutzt werden dürfe. Experten haben Zweifel, ob Verurteilte auf dem 74 Jahre alten Stuhl wirklich keinen Schmerz spüren.

Die Mordrate in den USA, siebenmal so hoch wie in Deutschland, sorgt für reichlich Potential an Rachegelüsten. Dabei wurden in diesem Jahrhundert mindestens 23 Amerikaner bisher irrtümlich hingerichtet, so eine Studie der Stanford Universität. Nicht jeder hat so viel Glück wie der angebliche Polizistenmörder Ricardo Aldape Guerra: 15 Jahre wartete er in texanischen Gefängnissen auf seine Hinrichtung - verurteilt aufgrund manipulierter Aussagen von Polizisten. Im April sprach ihn ein Richter frei. +++

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