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Mord am Ocean DriveAls glamouröser schwuler Modemacher personifizierte Gianni Versace alles, wofür Miami Beach berühmt istGianni Versace hat aus seiner Homosexualität nie ein Geheimnis gemacht. Schon das allein hat ausgereicht, um sofort Spekulationen über einen sexuellen Hintergrund der Mordtat an dem italienischen Modedesigner zu nähren. Und daß die Polizei nun nach Andrew Cunanan als Hauptverdächtigem fahndet, hat dies nur bestärkt. Ausgerechnet ein Gigolo, der zu Amerikas zehn meistgesuchten Verbrechern zählt, soll Versace auf offener Straße zweimal in den Kopf geschossen haben. Cunanan ist bekannt dafür, seine Dienste einer reichen Klientel anzubieten. Jedoch haben die Ermittler bislang keinen Hinweis darauf, daß Gianni Versace seinen Mörder gekannt hat. Jim Chablis vom Justizministerium Florida widersprach in Miami Beach Gerüchten, der Modeschöpfer sei Cunanan vor zwei Jahren in San Francisco in der Oper begegnet. Und Versaces Familie in Mailand schloß kategorisch eine Bekanntschaft der beiden Männer aus. Das FBI fahndet nach Cunanan bereits seit Monaten wegen vier Mordtaten. Der 27jährige aus San Diego, den seine eigene Mutter einen "Callboy erster Klasse" nennt, soll einen Bestatter, zwei seiner ehemaligen Freunde und einen reichen Makler in Chikago grausam getötet haben. Schlagzeilen über den "attraktiven und weltläufigen" Mörder Cunanan beleben schon seit Monaten die Vorderseiten amerikanischer Blätter. Warnung der Polizei "Wir versuchen jetzt, Kontakt zu allen Schwulen- und Lesbenorganisationen aufzunehmen", sagt Robert Barreto, der Polizeichef von Miami Beach. Am Abend nach der Mordtat liefen die Telefonleitungen von Miami Beach heiß: Freunde warnten einander vor dem Killer; besonders alleinstehende Männer wurden ermahnt, bei fremden, attraktiven Männern nicht allzu vertrauensvoll zu sein. Denn Cunanan ist auf der Flucht. Und wahrscheinlich hält sich Versaces Mörder noch immer in Florida auf, wie die Polizei vermutet. Ein Mann, der bewaffnet ist und als "äußerst gefährlich" gilt. "Jeder ist gefährdet, ob schwul oder nicht", sagt ein Polizeisprecher. Doch Miami Beach ist eben nicht nur ein Touristen-Mekka, sondern ein Ort, an dem besonders viele Schwule wohnen und Urlaub machen. Auch Gianni Versace, das darf als sicher angenommen werden, zog wohl deshalb nach Miami Beach. Als glamouröser Modemacher, berühmt für den Sex-Appeal seiner Kreationen, personifizierte Versace geradezu Miami Beach und all das, wofür die amerikanische Strand-Metropole berühmt ist: Mode, Models, Schwule und das internationale Jetset. Unmittelbar vor Versaces Prunkvilla am Ocean Drive befindet sich der Strandabschnitt, der im Lokaljargon "Gay Beach" heißt. Touristen in Miami Beach können hier Männer bestaunen, die man gewöhnlich nur aus Fitness-Katalogen oder eben auch aus der Modewerbung kennt. Versace war bekannt für die besonders durchtrainierten, attraktiven männlichen Models in seinen Werbekampagnen. Und viele dieser Männer fand Versace in Miami Beach, einem Ort, der angeblich inzwischen mehr schöne Menschen pro Quadratkilometer aufzuweisen hat als Los Angeles. Versaces pompöse Villa mit ihren hohen schmiedeeisernen Toren war der Inbegriff vieler schwuler Sehnsüchte und imaginärer Schauplatz wilder Phantasien, die sich die Männer in den Bars wie dem "Twist" oder "Hombre" oder in den Nachtclubs wie dem "Liquid" immer wieder mit Wonne gegenseitig erzählten: Fabeln von ausgelassenen Versace-Partys, mit sagenhaft attraktiven jungen Männern. Doch einer, der tatsächlich von sich sagen konnte, bei Versace ein- und auszugehen, fand sich in der Regel in diesen Runden nie. Und während man im "Twist" über Versaces Party-Orgien redete, saß der Modemacher wahrscheinlich oft in seinem hauseigenen Planetarium und betrachtete die Sterne über Miami Beach. Ernüchternde Wahrheit Die Wahrheit über Gianni Versaces "social life" hätte die Schwulen von Miami Beach wahrscheinlich ernüchtert. "Man sah ihn eigentlich nie in den hiesigen Bars oder in den Clubs", sagt J. R. Fry, ein Organisator der alljährlichen gefeierten "White Party", einer schwulen Großveranstaltung, die im letzten Jahr im November über 20 000 Party-Freaks nach Miami Beach brachte. Gianni Versace habe sich "eher mit Prominenten wie Stallone und Madonna als mit dem Durchschnittsschwulen von Miami Beach umgeben", erzählt Fry. Auch in den vielen Anti-Aids-orientierten karitativen Organisationen habe sich Versace nicht engagiert weder mit Spenden noch mit seinem Namen. Wenn Versace überhaupt in der Öffentlichkeit gesehen wurde, dann oft in Begleitung von Männern, die nicht in Miami Beach lebten. Auch wenn sich Gianni Versace am "Gay Beach" nicht sehen ließ er hat sich wohl in Miami Beach wohlgefühlt, da Schwule hier so selbstverständlich und offen leben können, wie sonst vielleicht nur in New York oder San Francisco. Arm in Arm spazierende oder händchenhaltende Männerpaare gehören auf dem Ocean Drive oder der Lincoln Mall Road, einer populären Fußgängerzone Miami Beachs, zum alltäglichen Erscheinungsbild, das höchstens bei Touristen ab und zu einen irritierten Blick über die Schulter zeitigt. Schwulenfeindliche Übergriffe, das sogenannte "Gay Bashing", sind die Ausnahme, nicht zuletzt, weil sie als "hate crimes" (Haßverbrechen) in den Vereinigten Staaten besonders hoch bestraft werden. Als ein Entertainer in der (nichtschwulen) Billardbar "Roses" an der Washington Avenue gestern abend mit den Worten "Und apropos die Schwuchteln" zu einem weiteren Witz ansetzen wollte, drehte ihm der Manager das Licht und die Mikrofone ab. Schon jetzt bemühen Kommentatoren die Ermordung Gianni Versaces auch als ein Sinnbild für die finstere Seite der schönen heilen Welt in Miami Beach. Der Drogenkonsum in Miami ist, aufgrund der geographischen Nähe zu den Lieferantenländern in Mittelamerika, höher als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten, und das nicht nur unter Schwulen. Für das nächtelange "High" auf den großen Tanzparties der Stadt sorgen Ecstasy oder Kokain. Zu verführerisch bieten sich im Fall Versace griffige Klischees an: der amoklaufende Callboy; der Designer, der vielleicht selber regelmäßig Callboys engagierte; das Häßliche unter der schönen Oberflächlichkeit, symbolisiert durch die Blutlache auf dem Ocean Drive. Und so werden Vertreter der extremen Rechten Amerikas in diesem Mord wohl "eine Strafe Gottes" und "die Rache von Mutter Natur" sehen. Mit seiner Liebe für Miami Beach aber hat Gianni Versace bei der Wiederbelebung einer Stadt geholfen, die noch vor einem Jahrzehnt als Rentnerghetto verrufen war. Vor zehn Jahren herrschten die Drogendealer auf den Straßen. Heute ist die Strandmetropole so sicher wie schon lange nicht mehr. Auch das ist in erheblichen Maße Versace zu verdanken. Nicht nur die Schwulen von Miami Beach werden sich an den Modeschöpfer deshalb als einen Mann erinneren, der sich in Miami Beach unter Freunden fühlte, weil er sie hier tatsächlich hatte. Auf eine Leibwache wollte er in South Beach immer verzichten. Das wurde ihm zum Verhängnis. [zurück zu den Suchergebnissen] [Neue Suchanfrage] [Weitere Artikel vom 17.07.1997]
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