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"Die Amis sind die Mörder"In der Karibik soll ein US-Millionärsehepaar einen Einheimischen getötet haben der politisch brisante Prozeß läuftAuf der Karibikinsel St. Vincent steht ein US-Millionärsehepaar vor Gericht. Den leidenschaftlichen Seglern James und Penny Fletcher wird vorgeworfen, im Oktober 1996 den Bootsführer eines Wassertaxis ermordet zu haben. Sollten sie schuldiggesprochen werden, droht ihnen nach den Gesetzen der ehemaligen britischen Kolonie der Tod am Galgen. Als verwöhnter Millionärssohn hat es James Fletcher nicht unbedingt leicht mit dem Gefängnissystem von St. Vincent. Seit mehr als einem Dreivierteljahr muß sich der 50jährige US-Unternehmer aus Virginia eine finstere 35-Quadratmeter-Zelle mit 17 anderen teilen: Drogendealer, Mörder und Diebe. Eigentlich sollte das 1872 erbaute Gefängnis der Inselhauptstadt Kingston nur 100 Insassen beherbergen; nun schottet es 360 Kriminelle von der wolkenlosen Calypso-Idylle ab. Dafür war James Fletcher nicht mit seiner Luxusyacht "Carefree" ("Sorgenfrei") hierhergesegelt. Eigentlich wollte er die dritte Ehe mit seiner 15 Jahre jüngeren Frau Penny retten, einer Ex-Cheerleaderin. Penny sitzt jetzt auch ein im Frauengefängnis des Inselstaates. Beide Fletchers ängstigen sich mächtig vor dem Holz-Galgen von St. Vincent. Aus gutem Grund. Denn das Paar ist des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Aus dem Schicksal der Fletchers wird wahrscheinlich irgendwann einmal ein Kinofilm. Und das nicht nur, weil Insel-Ministerpräsident Sir James Mitchell die beiden Angeklagten schon vor dem Prozeß als "klassische, häßliche Amerikaner" verurteilte. "Wir haben hier einen Mord, Korruption, zwei reiche weiße Amerikaner und einen toten Schwarzen", so Fletcher-Verteidiger Ralph Gonsalves. "Kein Wunder, daß die Leute hier fasziniert sind." Die US-Öffentlichkeit empört sich derweil vor allem wegen der Dinge, die in dem Drama fehlen: Eine ballistische Analyse, ein Bluttest, ein Geständnis, ein Augenzeuge, ein Fingerabdruck oder andere Beweismittel, die in den USA normalerweise vonnöten sind, um jemanden anzuklagen. TV-Sender wie CNN und ABC diagnostizieren denn auch in beißenden Berichten juristische Barbarei im Bananenstaat (St. Vincent erzielt 60 % seiner Auslandsdevisen aus BananenExporten). Auch Präsident Clinton mahnte bei dem Ministerpräsidenten während eines Treffens einen "ordnungsgemäßen Prozeß" für die Fletchers an. Viele der 108 000 vorwiegend schwarzen St. Vincentianer fühlen sich deshalb in ihrem Nationalstolz tief verletzt. Geschürt werden diese Gefühle von einem sich seit Jahren verschlechternden Verhältnis zwischen dem Karibikstaat und den USA: die Entwicklungshilfe an St. Vincent ist rückläufig; und die Clinton-Adminstration ärgert sich über den begünstigten Zugang der Inselrepublik zum europäischen Bananenmarkt. Große Politik hatten die Fletchers gewiß nicht im Kopf, als sie sich auf Bequia, einer der 33 zu St. Vincent gehörigen Inseln, schon kurz nach ihrer Ankunft durch laute Ehestreitigkeiten und reichlichen Rum-Konsum einen zweifelhaften Namen machten. Eigentlich hatte sich Penny Fletcher von ihrem Ehemann drei Jahre nach ihrer Hochzeit eine Reise um die Welt gewünscht. Auf dem idyllischen Bequia gefiel es dem Pärchen dann aber so gut, daß sie mit ihrer Luxusyacht einen Segelboot-Charterservice eröffnen wollten. Die Aussteiger hatten dabei höchst lobenswerte Vorsätze: 10 Prozent des Firmengewinnes sollten an eine Inselschule gehen. Doch am Abend des 6. Oktober 1996 nahm das Verhängnis seinen Lauf: Das Ehepaar wollte in einem Restaurant dinieren und bestellte deshalb per Funk ein Wassertaxi, das sie die 20 Meter von ihrer Yacht zur Insel bringen sollte. Abgeholt wurden sie von Jerome "Jolly" Joseph, einem beliebten Wassertaxifahrer auf Bequia. Das Problem der Fletchers: Jollys Leiche wurde drei Tage später von Kugeln durchlöchert im Wasser gefunden. Bereits vor dem Leichenfund skandierte eine Menschenmasse auf der Mole vor Fletchers Yacht: "Die Amis sind die Mörder, die Amis sind die Mörder." Als die Fletchers darauf ihre Yacht aus dem heißen Gewässer steuern wollten, wurden sie gestoppt und verhaftet. Seitdem sitzen sie im Gefängnis. James Fletcher hat 35 Pfund verloren und zittert im Gerichtssaal wie ein alter Mann. Seine Frau leidet unter Infektionen des Harnleiters. Die Mordanklage stützt sich nicht auf Beweise, sondern nur auf dünne Indizien: Penny Fletcher habe einige Tage vor dem Mord in der Inselschenke "Buddys Bar" drei Schwarze im Suff mit Flaschen beworfen und einem sogar in die Brust gebissen. Sie habe ein Verhältnis mit dem getöteten Jolly gehabt. Sie habe geschrien, in Trinidad von einem Schwarzen vergewaltigt worden zu sein und geprahlt, eine Waffe zu besitzen und damit demnächst einen Schwarzen aus Rache umzubringen. Penny Fletcher bestreitet diese Äußerungen. Die Kugeln in Jollys Brust stammen aus einem 22kalibrigen Smith-&-Wesson-Revolver, wie auch die Fletchers einen bei der Einreise nach St. Vincent deklariert haben. Allerdings sind die gefundenen Hülsen länger als die auf der Yacht sichergestellte Munition. Berichte in US-Medien schüren derweil weitere Zweifel an der Inseljustiz: Ausländische Urlauber seien in St. Vincent wiederholt für Verbrechen angeklagt worden, um später gegen Zahlung hoher Bestechungsgelder freizukommen. Auch den Fletchers sei von einem Vermittler eine Bestechungssumme von 100 000 Dollar nahegelegt worden, doch der Deal sei gescheitert. Beobachter rechnen mit einer Prozeßdauer von maximal sieben Tagen. [zurück zu den Suchergebnissen] [Neue Suchanfrage] [Weitere Artikel vom 31.07.1997]
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