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BerlinOnline


Datum:   23.09.1997
Ressort:   Vermischtes
Autor:   Marc Fest

Freiwillige wollen sich für Aids-Forschung mit abgeschwächtem HI-Virus infizieren

Internationale Medizinergruppe plant risikoreichen Versuch mit Lebendimpfstoff

CHICAGO, 22. September. Die 50 Freiwilligen aus aller Welt sind kerngesund, HIV-negativ. Doch demnächst wollen sie sich den lebendigen, wenngleich geschwächten, Aids-Virus freiwillig in ihre Venen injizieren. Haben sie Glück, dann sind sie hinterher gegen das HI-Virus immun. Doch wenn die Freiwilligen ­ unter ihnen 39 Mediziner ­ Pech haben, werden sie sich selber mit dem tödlichen Virus infizieren.

Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen den HI-Virus waren Lebendimpfstoffe bisher tabu. Zu groß war die Angst davor, daß ein solches Serum die gefürchtete Immunschwächekrankheit hervorbringen würde, anstatt sie zu verhindern. Denn auch andere, seit langem zugelassene Lebendimpfstoffe ­ beispielsweise gegen Masern ­ erzeugen bei einigen der Geimpften genau jene Krankheit, vor der sie eigentlich schützen sollen. Es sei, wie bei der Masern-Impfung, "eine Risiko-Nutzen-Abwägung", so Dr. Ronald Desrosiers vom Primaten-Forschungszentrum der Harvard Universität. Die 50 Freiwilligen, darunter viele Mitglieder der in Chicago ansässigen "Internationalen Gesellschaft für Mediziner in der Aids-Behandlung" (IAPAC), wollen sich ein von Ronald Desrosiers entwickeltes Serum injizieren. Bei den Affen in Desrosiers Versuchslabor führte das Serum zur Immunität gegen die SIV-Infektion, eine Art Schimpansen-Variante von Aids. Bislang bekamen menschliche Versuchsteilnehmer lediglich Seren mit abgetöteten Virusbestandteilen injiziert.

"Alle haben immer angenommen, daß sich für die Experimente mit Lebendimpfstoffen keine Freiwilligen finden können", so Gordon Nary, Präsident von IAPAC. Nary ist selbst HIV-negativ und einer der wagemutigen Mediziner. Die Forschung habe sich durch diese Annahme "wirklich verzögert". Die internationale Medizinergruppe ist fest entschlossen, das Serum auszuprobieren ­ notfalls auch ohne Zulassung der Aufsichtsbehörden in den USA und auch ohne den Segen des Serumherstellers, einer Firma aus Massachussetts. "Dann machen wir es eben in Europa und mit einem anderen Impfstoff", so Dr. Charles Farthing, medizinischer Direktor einer Aids-Pflege-Stiftung in Los Angeles.

Unter den 50 Freiwilligen befinden sich, so IAPAC-Geschäftsführer Mabrey Whigham zur Berliner Zeitung, auch drei Schweizer, ein Niederländer sowie ein Arzt aus Düsseldorf. Amerikas Aids-Papst, der Mediziner Anthony Fauci, kritisiert das geplante Experiment als "verfrüht": ein kurzfristiger Erfolg könne ein falsches Gefühl von Sicherheit erzeugen.

Andere Kritiker zitieren eine Studie, bei der 90 Prozent der mit einem Lebendimpfstoff behandelten Affen später an der Immunschwäche erkrankten.

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