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Datum:   24.09.1997
Ressort:   Vermischtes
Autor:   Marc Fest

"Ich bin kein Held"

Ein Mediziner aus Genf sagt, warum er an dem umstrittenen HIV-Selbstversuch teilnimmt

Eine Gruppe von 50 Freiwilligen aus aller Welt, darunter 39 Ärzte, wollen sich in einem von Kritikern als gefährlich eingestuften Selbstexperiment einen Lebendimpfstoff gegen Aids in ihr Blut injizieren (die Berliner Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom Dienstag.) Von der Studie, die frühestens in zwei Jahren starten soll, erhoffen sich die Ärzte und anderen Freiwilligen eine erhebliche Beschleunigung der Forschung nach einem Impfstoff. Aids-Experten und die Aids-Hilfe reagierten zurückhaltend bis kritisch auf den Selbstversuch. Marc Fest sprach mit einem der Freiwilligen, dem Schweizer Professor Bernard Hirschel. Der 51jährige Vater dreier Kinder leitet die HIV/Aids-Abteilung an der Genfer Uniklinik.

Berliner Zeitung: Herr Hirschel, Kritiker des geplanten Selbstexperimentes befürchten, daß der Impfstoff Aids auslösen könnte, statt zu einer HIV-Immunität zu führen ­ so wie es in seltenen Fällen auch bei anderen Impfungen geschehen kann. Haben Sie eigentlich Ihre Frau und Ihre Kinder gefragt, bevor Sie sich zum Mitmachen entschieden?

Bernhard Hirschel: Bitte stellen Sie mich nicht als Helden dar. An diese angebliche Gefahr glaube ich einfach nicht. Bei einem Impfstoff mit einem ausreichend stark veränderten HI-Virus kann ich mir nicht vorstellen, wie dieser noch Aids auslösen können sollte. Meine Familie habe ich bisher nicht gefragt. Ich habe einfach die Teilnahmeerklärung unterschrieben und nicht mehr daran gedacht, bis Sie mich heute angerufen haben.

Wenn alles so ungefährlich ist: Warum gab es dann bislang keine Human-Experimente mit Lebendimpfstoffen gegen Aids?

Das liegt vor allem an Situation in den USA, wo millionenschwere Haftpflichtprozesse drohen, wenn denn doch mal etwas schiefgeht. Und sei es, daß ein Proband Jahre später Krebs bekommt, was gar nichts mit dem Experiment zu tun haben mag. In den USA herrscht in diesem Zusammenhang eine übertriebene Angst vor Risiken. Es ist wichtig, daß sich diese Lage verändert, denn nur zusammen mit den Amerikanern können wir wohl überhaupt einen wirksamen Lebendimpfstoff gegen Aids entwickeln.

Welches sind Ihre persönlichen Gründe für die Teilnahme an dem Experiment?

Lebendimpfstoffe haben sich bei Tieren als am wirksamsten herausgestellt. Außerdem kann das öffentliche Aufsehen um das Experiment dazu beitragen, das Tabu gegen Lebendimpfstoff-Versuche am Menschen abzubauen. Wenn wir uns nur über Nebenwirkungen sorgen, kommen wir nie richtig voran.

Haben Sie auch Kollegen von sich zum Mitmachen überredet?

Wie gesagt, ich habe damals lediglich diesen Teilnahme-Zettel abgeschickt. Und darauf stand übrigens auch nur, daß ich generell an einer Teilnahme interessiert bin. Letztendlich kommt es natürlich darauf an, mit was für einem Virusmodell der Impfstoff hergestellt wird. Und dann werde ich auch mit meiner Familie sprechen. Aber bis zum eigentlichen Versuch kann es ja gut noch zwei bis drei Jahre dauern. Davon abgesehen fände ich es natürlich gut, wenn hier in der Schweiz noch andere mitmachten und ich nicht vollkommen allein dastehe ­ sozusagen als Spinner. Es wäre schon ein gutes Gefühl, wenn ein paar Kollegen meine Risikoeinschätzung teilten.

Haben Sie sich Gedanken gemacht, was Sie machen, falls Sie sich doch mit HIV infizieren?

Ich halte das, wie gesagt, für ausgeschlossen. Doch im Falle eines Falles gibt es heutzutage ja Medikamente, die die Reproduktion des Virus sehr effektvoll verhindern können. Am sinnvollsten fände ich übrigens, wenn sich für das Experiment solche Personen fänden, die tatsächlich von einem Schutz profitieren würden, beispielsweise weil sie sich ständig einem hohen Infektionsrisiko aussetzen. Das größte Problem bei einem experimentellen Impfstoff sehe ich nicht in seiner Gefährlichkeit, sondern darin, daß er vielleicht wirkungslos ist.

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