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BerlinOnline


Datum:   26.08.1998
Ressort:   Vermischtes
Autor:   Marc Fest

Hände weg von der Werkzeugkiste!

Christen und konservative Politiker in den USA wollen Lesben und Schwule zu Heteros "umpolen"

WASHINGTON, im August. "Lebenslang schwul?" fragte das US-Magazin "Newsweek" kürzlich auf der Titelseite und verkündete den neuesten Trend in Amerika: Organisationen für Schwule und Lesben, die sich von ihrer sexuellen Orientierung "heilen" lassen wollen, gehen gemeinsam mit konservativen Politikern in die Offensive.

Anders als früher arbeiten die Bekehrer heute nicht mehr mit Elektroschocks. Es geht therapeutischer zu: nicht die Beine beim Sitzen übereinanderschlagen, sondern kernig den Fuß des einen Beines auf das Knie des anderen legen, so eine der Anweisungen für Schwule. Für Lesben gilt entsprechend: Hände weg von der Werkzeugkiste und statt dessen Make-up ins Gesicht.

"Exodos", "Courage" und "Homosexuals Anonymous" heißen die christlich inspirierten Gruppen, die unglückliche Homosexuelle mit derlei Einübung alter Klischees von ihrem "unmoralischen Lebensstil" befreien wollen. Mit ganzseitigen Anzeigen in großen Tageszeitungen wie der "Washington Post" produzierten die Organisationen einen beispiellosen Medienrummel: Die Anzeige in der "New York Times" zeigte das Foto einer Frau mit dem Namen Anne Paulk. Überschrift: "Ehefrau, Mutter und ehemalige Lesbe".

Die von einer überkonfessionellen Gruppe von Religionsführern u.a. von der mächtigen Lobbygruppe Christian Coalition organisierte Kampagne sorgte für Empörung bei Schwulen- und Lesbenorganisationen. Die wirkungslosen Umwandlungstherapien könnten "Menschen zerstören", die im Coming Out ohnehin aufgewühlt und übersensibel genug seien. "Genausogut könnten sie Blutegel benutzen", findet Wayne Besson von der Homo-Organisation "Human Rights Campaign". Die neue "Ex-Gay"-Bewegung liefert das Crescendo in einer sich zuspitzenden Aueinandersetzung um das Thema Homosexualität: Trent Lott, republikanischer Mehrheitsführer im Kongreß, verglich unlängst Schwule und Lesben mit Alkoholikern und Kleptomanen. Konservative Senatoren blockieren seit Monaten die Nominierung des offen schwulen Unternehmers James Hormel als Botschafter in Luxemburg. Und eine Abstimmung im Kongreß bedroht die Stadt San Francisco mit dem Entzug von Fördergeldern für den Häuserbau. Grund für die Strafaktion: Schwule und lesbische Lebenspartner werden dort normalen Ehegatten gleichgestellt. Beobachter erwarten eine weitere Zuspitzung des "Kulturkampfes" spätestens dann, wenn das oberste Gericht des US-Bundesstaates Hawaii wie allgemein erwartet der Homo-Ehe seinen Segen geben wird.

Ob die "Umpolung" von Schwulen und Lesben überhaupt funktioniert, wird von Medizinern stark bezweifelt. "Therapien zur Veränderung der sexuellen Orientierung können Schuld- und Angstgefühle verursachen", lautet beispielsweise die Position der "Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde". Organisationen wie "Exodos" und "Homosexuals Anonymous" erleiden denn auch immer wieder Rückschläge: Allein 13 Regionalabteilungen von "Exodos" mußten schließen, weil deren Direktoren wieder zur Homosexualität zurückkehrten. Besonders peinlich: die Geschichte von Michael Busse und Gary Cooper. Die beiden Ex-Schwulen gründeten 1976 "Exodos", heirateten, zeugten Kinder. Doch dann geschah das Undenkbare: Busse und Cooper verliebten sich ineinander. Und heute engagieren sich die beiden Ex-Ex-Schwulen längst in einer Religionsgemeinschaft, die Schwule und Heteros gleichermaßen willkommen heißt.

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