![]() |
|
Aktuelle Berliner Zeitung
E-Mail Berliner Zeitung Leser-Service Kleinanzeigen Wissenschaftsarchiv Archiv Berliner Kurier Handelsregister Titelfoto-Archiv Berlin-Foto-Archiv Berlinwahl Berlin-Chronik Kalenderblatt Berlin-Infos |
![]()
Nennt ihn nicht SchwuchtelDer schwule Abgeordnete Barney Frank gilt als einer der klügsten und einflußreichsten Köpfe im US-KongreßWASHINGTON, im Dezember. Barney Frank hat nicht viel Zeit in diesen Tagen. Der Mann muß seinen Präsidenten retten. Nach Small talk steht ihm deshalb nicht der Sinn beim Interview-Termin in seinem Washingtoner Kongreßbüro. Frank kämpft als eines der prominentesten demokratischen Mitglieder im Justizausschuß seit Monaten um den Kopf von Bill Clinton. Auch er selbst hat schon einige Kämpfe hinter sich denn Barney Frank ist ein offen schwuler Politiker. Daß er homosexuell sei, so brummelt der 58jährige in seinem typischen nuschelnden Tonfall, habe er seinem Wahlkreis in Boston schon vor elf Jahren verkündet. Bei den folgenden Wahlen bekam er dennoch wieder 70 Prozent der Stimmen. Und so geschah es seitdem alle zwei Jahre. Wie auch wieder im vergangenen November. Zum neunten Mal. Ein Gegenkandidat war erst gar nicht angetreten. Die Londoner "Times" nennt ihn einen der "gefürchtetsten und klügsten Köpfe im US-Kongress". Andere sehen in dem Harvard-Absolventen schlichtweg den "inoffiziellen Anführer" der Demokraten. Franks Einfluß und Autorität im US-Kongreß sind legendär. Manche wundert das. Nicht nur, weil dieser Mann bei offiziellen Anlässen auch schon einmal mit seinem Lebenspartner Walzer tanzt. Die Sache mit dem Callboy Zwei Jahre nach seinem Coming-out hatte Frank seinen eigenen Sex-Skandal. Einen Callboy habe sich der Abgeordnete gehalten, verkündete die konservative "Washington Times" 1989 in fetten Lettern. Größtes Problem für Frank: er hatte den jungen Mann seinen Dienstwagen benutzen lassen. 33 Strafmandate fielen dabei an. Und die hatte Frank mittels parlamentarischer Privilegien in Luft auflösen lassen. Freund und Feind verkündeten sein politisches Ende. Und täuschten sich gewaltig. "Auf alle Fälle nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen", rät Frank nun anderen Politikern in Nöten. Ob man dagegen die "ganze Wahrheit" erzähle, sei da schon eine andere Frage. "Das kommt darauf an, wie schlimm die Wahrheit ist." Frank selber ergriff seinerzeit anders als Bill Clinton die Flucht nach vorne und bat den Kongreß um eine "genaue Untersuchung" der Anschuldigungen gegen ihn. Nach elf Monaten kam er mit einer parlamentarischen Abmahnung davon. Clinton setzte auf die falsche Strategie, meint Frank. Seine größten Fehler? Da wäre zum einen die Versicherung, "niemals sexuelle Beziehungen mit dieser Frau, Monika Lewinsky" gehabt zu haben. Auch die Behauptung, niemals mit Lewinsky allein gewesen zu sein, sei eine "klare Lüge und ein schrecklicher Fehler" gewesen. Eine Amtsenthebung deswegen sei jedoch maßlos übertrieben. Neben dem Einmaleins zur Skandalbewältigung könnte Barney Frank auch einen Ratgeber für homosexuelle Parlamentarier verfassen. Da wäre zum Beispiel die Frage nach dem Zeitpunkt für ein Coming-out: vor oder nach den Wahlen? "Wenn die Leute als allererstes erfahren, daß Du schwul oder lesbisch bist, setzen sich auch heutzutage noch immer leicht die üblichen Vorurteile fest", warnt Frank. Doch die Zeiten ändern sich: Bei den Kongreßwahlen im November gab es drei offen lesbische Kandidatinnen, von denen sich Tammy Baldwin aus Wisconsin durchsetzte. Heterosexuelle Wähler hätten bei Schwulen, Lesben und Kandidaten anderer Minderheiten vor allem eine Sorge, weiß Frank: "Viele fürchten, daß man sich nur um die Belange seiner Minderheit kümmern werde." Frank selber hat sich denn auch im Bankausschuß und als Wirtschaftsexperte einen exzellenten Ruf auf "nicht-schwulem" Gebiet erarbeitet. Die Opposition der Republikaner gegen Abtreibung und Förderprogramme für die subventionierte Abgabe von Babynahrung kritisierte der Realoschwule ebenfalls erfolgreich mit der für ihn typischen, scharfen Zunge: "Für Republikaner beginnt menschliches Leben offensichtlich mit der Empfängnis und endet mit der Geburt." Tief durchatmen Seinem Pragmatismus zum Trotz läßt Frank sein Schwulsein immer wieder in seine Parlamentsreden einfließen "ungefähr so, wie andere ihr Jüdischsein oder ihre irische Abstammung erwähnen". Als im Herbst der Student Matthew Shepherd in Wyoming von Schwulenhassern zu Tode geschlagen wurde, verkündete Frank im Kongreß: "Das hätte auch mich erwischen können." Bei einer anderen Gelegenheit protestierte Frank, als ein republikanischer Abgeordneter abfällig über "Homos in der Armee" lästerte. Der Parlamentspräsident versuchte daraufhin zu schlichten und fragte, ob sich Frank und der Abgeordnete nicht "per Kuß und Umarmung" versöhnen könnten. Franks Antwort: "Ich bin vielleicht schwul, aber nicht blind!" Nicht immer geschieht der Schlagabtausch auf so amüsante Weise. Als ihn der republikanische Mehrheitsführer Dick Armey einmal "Schwuchtel Barney" ("Barney Fag") nannte, habe er sich "sehr geärgert und ersteinmal tief durchgeatmet". Wichtig sei in solchen Fällen jedoch, "sich nicht nur als Opfer darzustellen". Schwäche allein komme nicht an, so Frank. Dem schimpfenden Dick Armey hafte sein "Barney Fag"-Ausspruch noch heute als Karriere-Makel an. "Und darüber bin ich froh", sagt Frank. Inzwischen hält der Demokrat sogar einen offen schwulen Senator für möglich, vor allem in liberalen Staaten wie Vermont oder Kalifornien. Einen offen schwulen Gouverneur (die Entsprechung eines Ministerpräsidenten) hält Frank dagegen für unwahrscheinlicher, "wegen des Symbolgehalts des Amtes". In den Ämtern des Präsidenten und Vizepräsidenten sieht Frank "allerletzte Bastionen", die wohl selbst in den nächsten 30 Jahren für Schwule weiterhin uneinnehmbar bleiben. "Doch wer weiß", sinniert Frank. "Manchmal ändern sich die Dinge schneller als man glaubt." [zurück zu den Suchergebnissen] [Neue Suchanfrage] [Weitere Artikel vom 29.12.1998]
|