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Datum:   07.04.1999
Ressort:   Vermischtes
Autor:   Marc Fest

Lebenslang für Schwulenmörder

Er hatte mit einem Mittäter den US-Studenten Matthew Shepard getötet

LOS ANGELES/LARAMIE, 6. April. Für den brutalen Mord an dem homosexuellen Studenten Matthew Shepard ist in den USA der 21jährige Russell Henderson zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Angeklagte hatte sich zuvor schuldig bekannt, um der drohenden, von der Staatsanwaltschaft geforderten Todesstrafe zu entgehen. Das Urteil gegen seinen gleichalten Mittäter Aaron McKinney soll im August gefällt werden.

Das Gericht in Laramie (US-Bundesstaat Wyoming) befand Henderson für schuldig, den 22jährigen Studenten im vergangenen Oktober aus einer Bar gelockt und getötet zu haben. Er habe dem in einem Auto Entführten mit einer Handfeuerwaffe den Kopf eingeschlagen, ihm Brandwunden zugefügt und ihn "wie eine Vogelscheuche" an den Zaun einer Ranch außerhalb von Laramie gebunden.

So hatten Motorradfahrer den stark blutenden Shepard 18 Stunden später bei Temperaturen um null Grad aufgefunden. Er war fünf Tage später seinen Verletzungen erlegen. Matthews Mutter Judy hatte ausgesagt, daß sein Gesicht so zerschlagen gewesen sei, daß sie ihn nur an einem Muttermal an einem Ohr wiedererkannt hatte. Der Mord an Shepard hatte landesweit eine erneute Diskussion um besondere Gesetze zur Bestrafung von Taten ausgelöst, die auf der Verachtung von Minderheiten beruhen (Hate crimes).

Keine Schmutzkampagne

Prozeßbeobachter berichteten, daß die Anklage bemüht schien, Shepards Homosexualität nicht zum zentralen Thema des Prozesses werden zu lassen. Einerseits wohl deshalb, um pro- und auch antihomosexuelle Demonstrationen nicht weiter anwachsen zu lassen, die auch vor dem Gerichtsgebäude stattfanden. Andererseits, um eine Schmutzkampagne gegen den ermordeten Shepard zu verhindern. Der Student war nämlich HIV-positiv, wie vor dem Prozeß das Magazin "Vanity Fair" berichtet hatte. Shepard, der sich seit einer brutalen Vergewaltigung während eines Aufenthalts in Marocco regelmäßig auf Aids testen ließ, habe höchstwahrscheinlich nicht einmal davon gewußt. Die Verteidigung, so wurde gemutmaßt, könnte diesen Aspekt gnadenlos ausschlachten. Die Mörder des Schwulen Tommy Musick etwa waren 1994 mittels einer solchen Strategie mit einer vergleichsweise leichten Strafe davongekommen: Musick habe sie "angemacht" und im Wissen um Musicks HIV-Infektion hätten seine Mörder, so die Argumentation der Anwälte, zur "Selbstverteidigung" gegriffen.

Wie kaum eine andere Gewalttat gegen Schwule hat der Mord an Matthew Shepard die amerikanische Öffentlichkeit sensibilisiert. Eine Kampagne religiöser Gruppen mit Aufrufen zur "Heilung" von Schwulen und Lesben sah sich Ende 1998 deshalb heftigen Vorwürfen ausgesetzt, die Gewaltatmosphäre gegen Homosexuelle zu schüren. Die Zahl antihomosexueller Gewaltakte ist in den USA in den letzten Jahren gestiegen trotz der insgesamt stark rückläufigen Kriminalitätsrate.

Beobachter wie der Schriftsteller Gore Vidal befürchten, daß gerade solche christlichen Kampagnen und verbalen Attacken von konservativen Politikern auf Schwule und Lesben zur Gewaltbereitschaft gegen diese Minderheit beitragen. Deshalb hatte Vidal den republikanischen Kongreßabgeordneten Trent Lott in Kommentaren hart attackiert: Dieser hatte Schwule mit Kleptomanen und Alkoholikern verglichen.

Andere Beobachter sehen die Ursache für die zunehmende Gewalt paradoxerweise in dem gestiegenen Selbstbewußtsein von Schwulen und Lesben in den Großstädten: Hand in Hand spazierende Männerpaare gehören in Teilen von New York, Miami Beach oder San Francisco zum alltäglichen Erscheinungsbild. Immer mehr offen schwul oder lesbisch lebende Amerikaner wagen sich mit diesem Selbstbewußtsein auch in die ländlichen Regionen und werden dort noch immer allzu leicht zu Opfern homophober Gewalt.

Matthew Shepard aus dem 27 000 Einwohner zählenden Laramie ist hierfür ebenso Beispiel wie der aus einer 13 000 Einwohner zählenden Kleinstadt in Alabama stammende 39jährige Jack Gaither. Auch er hatte seine Mörder in einer ländlichen Kneipe kennengelernt. Zwei 26jährige schlugen Gaither im Februar bewußtlos und verbrannten ihn auf mit Kerosin übergossenen Autoreifen. Sie begründeten ihre Gewalttat mit dem Schwulsein des Opfers. Statistiken zufolge ereignen sich die meisten solcher Hate crimes gegen Schwule und Lesben im Juni, traditionell der Monat der "Gay Pride"-Demonstrationen. Auch dies weist auf den Zusammenhang zwischen der gestiegenen Präsenz von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft und der Gewaltbereitschaft. Im politischen Diskurs in Amerika erhalten Schwule und Lesben derweil immer öfter denselben Minderheitenstatus wie Schwarze oder andere Minoritäten. Seit Januar befaßt sich der amerikanische Kongreß mit einer erneuten Gesetzesvorlage zur Ausweitung der Definition von Haßverbrechen, bisher definiert als durch Rasse, Religion oder Nationalität der Opfer motivierte Gewaltverbrechen. Der neue Entwurf erweitert diese Kriterien um Geschlecht, sexuelle Orientierung und Behinderung.

Vergleich mit Rassismus

Nicht von ungefähr verglich Präsident Clinton die Taten von Wyoming und Alabama mit dem Mord an dem Schwarzen James Byrd, der 1998 in Texas an einen Wagen gekettet zu Tode geschleift wurde. Und nicht zufällig definieren sich politische Homo-Gruppen in Amerika lieber als Bürger- und Menschenrechtsorganisationen denn als Lobby für Menschen mit einer speziellen sexuellen Orientierung. Sie tragen daher Namen wie "Human Rights Campaign". Menschenrechte, die nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter gelten sollen: Elf namhafte amerikanische Schwulengruppen hatten deshalb vor Beginn des Prozesses von Laramie gefordert, die Anklage und das Gericht sollten doch die beiden Mörder von Matthew Shepard von der Todesstrafe verschonen.

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