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T910202.155 TAZ Nr. 3322 Seite 27 vom 02.02.1991
101 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Perverses auf E-12
Perverses auf E-12
Rosa von Praunheim startet das "Erste Deutsche Schwule Fernsehen" in
Berlin
Erst jetzt, mit dem Start des FAB, ist die DDR endgültig zu Grabe getragen:
Denn auf der Westberliner Kabelfrequenz E-12, wo einst Sudel-Edes
Schwarzer Kanal floß, moderiert demnächst Rosa von Praunheim die
Talkshow Schwul, Pervers, Kontrovers. Und in Nachfolge der
Aktuellen Kamera mit der drögen Unterlauf flimmert ab nächste
Woche das Magazin Schrill, Schräg und Schwul mit BeV. Stroganov,
"Berlins schönster Tunte", in die 600.000 hauptstädtischen Kabelhaushalte.
Eine Stunde Erstes Deutsches Schwules Fernsehen unter Praunheims
"künstlerischer Leitung" läuft ab kommenden Donnerstag, 22 Uhr, jede Woche in
dem neuen Berliner Privatsender vom Stapel. Insgesamt siebenmal wird das
Programm freitags und samstags wiederholt. Eine dreiminütige Seifenoper,
"mitten aus dem schwulen Leben", das "Problem entkrampfende", humorvolle
Safer-Sex- Spots von "Tornado"-Kabarettist Günter Thews und dem
("Hetero"-)Schauspieler Robbi Robb, sowie schwuler Klatsch, Kultur- und
Szenetips, präsentiert von Ichgola Androgyna, füllen den 25minütigen
Magazinteil. In der anschließenden Talkshow will sich Rosa von Praunheim auf
seiner "Plaudercouch" mit "ganz gewöhnlichen Homosexuellen" unterhalten.
Hauptsächlich über Sex. Doch lediglich ein "Kuß der Woche" rundet das schwule
Programm ab, denn, so Praunheim: "Ein Kuß zwischen Männern wirkt, spätestens
seit der Sexwelle auf RTL plus, viel provokativer als beispielsweise Pornos."
Die seien in der Talkshow allerdings schon aus rechtlichen Gründen tabu,
ebenso wie das "Outing", das Enttarnen heimlich schwuler Prominenter.
Aufs Extreme verzichten die ehrenamtlichen Macher auch, weil sie durch eine
Art unterhaltsames "Bügelfernsehen" neben den schätzungsweise 550.000
Berliner Schwulen ebenso die "Stinos", die Stinknormalen, das heißt "ganz
normale Mütter, Väter und Tanten" ansprechen wollen. Ziel sei es, mit dem
schwulen Fernsehprogramm auch in der heterosexuellen Bevölkerung für
Verständnis und Toleranz gegenüber schwulen Lebensweisen zu werben.
Angelehnt an das New Yorker "Gay-Cable-Network" und von Praunheim initiiert,
soll das Erste Deutsche Schwule Fernsehen jedoch kein reines "Praunheim-
Programm" sein. Der auch in der Schwulenszene umstrittene Filmemacher, der
gegenwärtig an einer Filmdokumentation über homosexuelle alte Männer
arbeitet, möchte sich zurückziehen, "sobald die Sache eigenständig läuft".
Der Verkauf einzelner Magazinbeiträge an überregionale Sender soll die
finanzielle Grundlage des Projekts verbessern. Verhandlungen über ein
Sendefenster bei RTL plus, der demnächst in Berlin auch über Antenne sendet,
würden nicht vor Mitte Februar abgeschlossen. Langfristig wünscht sich
Praunheim ein bundesweites schwul-lesbisches Fernsehen.
Den Kontakt zur Basis wollen die Fernsehmacher in Berlin über den schwulen
Info-Laden "Mann- O-Meter" herstellen. Donnerstags um 18 Uhr tagt dort die
öffentliche Redaktionskonferenz des Schwulen Fernsehens. Für die Mitarbeit
vor und hinter der Kamera sucht Rosa von Praunheim noch
"Organisationstalente, Darsteller und Leute mit Connections". Im Moment
besonders begehrt: Ein gut gebauter Mann für die Fitneß-Tips. Marc
Fest