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T910402.181 TAZ-BERLIN Nr. 3370 Seite 22 vom 02.04.1991
92 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Man kann mit vielen Lücken leben«
»Man kann mit vielen Lücken leben«
Das erste Deutsche Schwule Fernsehen (DSF), zu empfangen auf dem
Kabelsender FAB, befragte Promis aus Politik und Kultur zu ihrem
ersten homosexuellen Erlebnis/ Dokumentation des Beitrags vom 21.
Februar
Eberhard Diepgen (CDU), Bürgermeister
DSF: Wann hatten Sie Ihr erstes schwules Erlebnis?
Diepgen: Da muß ich Sie enttäuschen.
Gar nicht?
So ist es, ja.
Finden Sie nicht, daß das eine Lücke ist für einen Regierenden
Bürgermeister?
Man kann im Leben mit vielen Lücken leben, vielen Dank.
Danke Ihnen.
Wim Wenders, Filmemacher
Wenders: Im Kino.
In was für einem Kino?
Im Kino, oh.
In einem Porno-Kino?
Nein, Nein. das muß sich um den "Ludwig" handeln, wie heißt der? Der Film mit
vom dem Visconti. Oder?
Ich weiß nicht wie der Film heißt, aber wenn Sie es auch nicht
mehr wissen, muß es sehr intensiv gewesen sein.
Oder auch nicht, oder auch nicht.
Auf jeden Fall sehen Sie es auch als Bereicherung an?
Ja, unbedingt. Ich finde, daß man inzwischen überall besser damit umgeht als
vor 10, 20 Jahren. Und auf die Zukunft projeziert wird es hoffentlich noch
ein bißchen lässiger, als es im Moment ist.
Frank Ripploh, Filmemacher
Ripploh: Erstes homosexuelles Erlebnis ... Das war furchtbar, weil
... Ja, jetzt weiß ich es wieder.
Wie alt waren Sie da?
Achtzehn. Und das war ein Türke. Und der wollte nur ficken. Die verstehen das
ja nicht als homosexuell, wenn die aktiv sind, nicht. Ich fand den so toll
aber ich fühlte mich total bedrängt und hatte Angst und habe das so über mich
ergehen lassen. Hinterher habe ich mir gesagt, damit hast du nichts zu tun,
weil es nicht schön war. Ich war unheimlich erleichtert, daß das so häßlich
war, denn so wollte ich ja nicht werden. Ich wußte wie mein Vater dagegen
war, wie überhaupt alle dagegen waren.
Was haben Sie gemacht, als er sagte, er wolle nur ficken?
Ich habe versucht ihn mit Knutschen zu etwas anderem zu bewegen. Aber das war
dann nicht möglich, denn er wollte eben nur das eine. Das habe ich ihm dann
so - wie eine Frau - geschenkt, damit er auf seine Kosten kommt, hatte aber
selber nichts davon.
Otto Sander, Schauspieler
Sander: Schade, daß ich nicht schwul bin, ich würde es gerne lernen.
Aber ich habe es nie gemacht.
Auch nicht ein einziges Mal?
Kein einziges mal, ne.
Ich wollte nämlich gerade nach dem letzten homosexuellen
Erlebnis fragen.
In jedem Künstler schlummert ein Homosexueller. Das ist ja ganz klar. Frau -
Mann. Es gibt den Tiresias, einen Griechen, der war mal eine zeitlang eine
Frau und dann war er wieder ein Mann. Das hat mich beeindruckt. Ich hab mich
gefragt: Wie kriegt man das hin? Aber in diesem Leben werde ich das nicht
mehr schaffen.
Würden Sie sich als transsexuell bezeichnen?
Nein. Ich habe zwar ziemlich viel weibliche Hormone in mir, aber ich bin
schon ein Mann.
Hans Neuenfels, Theaterregisseur
Neuenfels: Wenn ich mich daran erinnern könnte, daß es eins gewesen
sein könnte, dann war ich glaube ich 17 oder 18 Jahre alt.
Wo?
In Düsseldorf.
Waren Sie im Internat?
Nein, das hat sich so ergeben.
Walter Momper, SPD-Chef
Momper: Da bin ich noch sehr jung gewesen. Man hat mich das schon
mal gefragt. Wann ich mein letztes homosexuelles Erlebnis hatte, wäre ja viel
interessanter.
Wann hatten Sie denn Ihr letztes?
Das erinnerte ich auch schon nicht, als ich das letzte Mal danach gefragt
wurde. Weiß ich nicht mehr. Das liegt schon länger zurück, dann.
Finden Sie Herrn Diepgen attraktiv?
(lacht schallend) Nein.
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T910402.182 TAZ-BERLIN Nr. 3370 Seite 22 vom 02.04.1991
104 Zeilen von Interview marc fest
Szenenwechsel im schwulen Kabelnetz
Szenenwechsel im schwulen Kabelnetz
Rosa von Praunheim verläßt überstürzt seine Plaudercouch im Ersten
Deutschen Schwulen Fernsehen/ TV-Gefahr für Kinder: Schwulsein ist zu
schön/ Die Lesben kommen mit auf die Mattscheibe
Schöneberg. Exodus beim Ersten Deutschen Schwulen Fernsehen im neuen
FAB-Kanal: Rosa von Praunheim ist »überarbeitet«. Der »künstlerische Leiter«
und umstrittene Gründungsvater von »Schrill, Schräg und Schwul« räumt nach
der achten Folge überstürzt seine Plaudercouch. Bereits seit Folge vier
ersetzt ein schwuler Arzt aus München den Tornado-Kabarettisten Günter Tews
und seine humorvollen »Safer- Sex-Spots«. Nicht mehr die Risiken beim Koitus
mit Staubsaugern, sondern die Unterschiede zwischen Hepatitis A und B stehen
nun auf dem Programm.
Und schon nach der ersten Sendung resignierte Ichgola Androgyn. Die Tunte war
als Moderator und Anchorman schlicht zuviel des Guten - vor allem für die
schwule Normalo-Fraktion.
Der Tenor der Proteste nach der Premierensendung im Februar: »So sind wir
nicht. Was sollen bloß die Heteros von uns denken.« Gerade auch die »ganz
normalen Mütter, Väter und Tanten« wollte Praunheim mit einem gemäßigten
»Bügelfernsehen« für das Schwulsein erwärmen. »Scheinliberale Zuckerwatte«
schimpfte daraufhin das Schwulenmagazin 'Siegessäule` und »politisch
unterbelichtet« befand der 'Gay Express`. »Anstrengend« monierte Springers
'Morgenpost` und selbst der seriöse 'Tagesspiegel` diagnostizierte »den
Unterhaltungswert des Blauen Bocks«.
Die harsche Kritik fanden die Macher des Schwulen Fernsehens »nicht besonders
nett«. Allerdings: »Die Safer-Sex-Spots waren total daneben«, gesteht auch
Produktionsleiter André Kraft. Inzwischen gehe es den beteiligten um ein
»selbstbewußtes, schwules Fernsehprogramm von Schwulen für Schwule«. Die
»Heteros« wolle man zwar »im Hinterkopf behalten«, sie seien jedoch nicht
mehr die primäre Zielgruppe. Die Tunten sollen nicht mehr »nur kreischig und
nett«, sondern »integriert« auftreten.
»Als schwules Programm sind wir schon an sich ein Politikum«, sagt Kraft.
Ohne Rosa von Praunheim müssen die ehrenamtlichen Mitarbeiter das schwule
Magazin nun allein finanzieren. Kostenpunkt pro Sendung: 5.000 Mark.
Sponsoren und Werbekunden gebe es inzwischen. Ein gestraffter Talk-Show-
Teil, mehr Magazinbeiträge und Vorort-Produktionen aus der Schwulenszene
erhöhen seit einigen Folgen Tempo und Attraktivität der Sendung.
»Alles ist zu positiv«, mahnen bereits »offizielle Stellen«, so Kraft. Dort
befürchte man eine »Umpolungsgefahr« für Kinder, die - der Golf- und
Ehekriege überdrüssig - freitagnachmittags um vier in die heile Schwulenwelt
auf dem einstigen DDR-Kanal überlaufen könnten. Nicht nur deshalb erwägen die
Macher, das schwule Magazin ausschließlich nach 22 Uhr außerhalb der
dreistündigen FAB-Sendeschleife zu plazieren: Kraft wünscht sich für das
schwule Programm »gerne etwas mehr Erotik«. Und ohne die Schwulen im
Nachmittagsprogramm hätte FAB größere Chancen, demnächst auch über Antenne
senden zu dürfen. Doch das Homo- Fenster bleibt: Ab April präsentieren sich
in ihm zusätzlich die Lesben - mit den Schwulen im wöchentlichen Wechsel.
Am kommenden Donnerstag läuft die erste Live-Sendung von »Schrill, Schräg und
Schwul«. ZuschauerInnen können den Machern dann telefonisch die Meinung
sagen. Dabei sollen sie auch gleich einen neuen Namen für das schwule Magazin
vorschlagen. »Denn wir waren nie wirklich schrill und schräg«, bekennt André
Kraft. Für den besten Vorschlag winkt denn auch eine Reise nach Gran Canaria.
Marc Fest