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T911002.151 TAZ-BERLIN Nr. 3524 Seite 24 vom 02.10.1991
77 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Lesbische Nuntia aus dem Vatikan«
»Lesbische Nuntia aus dem Vatikan«
Schwule Sozialdemokraten luden zur Diskussionsveranstaltung
»Traumziel Standesamt?« ein/ Bundestagsvizepräsidentin Renate Schmidt
(SPD) hat nicht »das leiseste gegen die Homo-Ehe«
Charlottenburg. Lovely Rita darf sich freuen: ihre Stellvertreterin
Renate Schmidt (SPD), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, hat »nicht
das leiseste gegen die Homo- Ehe«. Das jedenfalls bekundete sie auf der
Diskussionsveranstaltung »Traumziel Standesamt?«, zu der die Berliner
Schwusos (Schwule Sozialdemokraten) eingeladen hatten. Bundestagspräsidentin
Rita Süssmuth (CDU) hatte Anfang August in einem 'Bunte`-Interview gefordert,
daß homosexuelle Paare in der Besteuerung und im Hinterbliebenenrecht nicht
benachteiligt sein sollten. Unionspolitiker hatten sie daraufhin scharf
angegriffen.
»Die Homo-Ehe bewegt die Menschen in der Bundesrepublik im Moment allerdings
nicht«, schränkte Schmidt ein. Größere Chancen sehe sie deshalb für eine Art
»notariell registrierter Partnerschaft«, in der zwei Menschen füreinander
sorgen. Die Förderung solcher Gemeinschaften solle nicht davon abhängen, ob
die PartnerInnen eine sexuelle Beziehung zueinander hätten, so die
Parlamentsvizepräsidentin. Die Gleichstellungs-Ministerinnen der
SPD-regierten Länder hätten bereits eine entsprechende Änderung im Artikel 6
einer zukünftigen Verfassung angeregt: Neben Ehe und Familie sollen darin
zukünftig auch »auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften« geschützt werden.
»Vor allem geht es um die Konstruktion des Verwandtschaftsverhältnisses durch
die Ehe«, betonte ein Zuhörer. Solange der gleichgeschlechtliche
Lebenspartner vor dem Staat nicht als »nächster Angehöriger« zähle, seien die
Folgen weitreichend: ein schwuler Mann darf in manchen Fällen seinen
sterbenden Freund nicht auf der Intensivstation besuchen. Eltern, die von
ihrem schwulen Kind nichts wissen wollen, erben eher als der oder die
LebenspartnerIn. Zeugnisverweigerung, Adoption oder die Berücksichtigung von
Partnerschaften bei der Studienplatzvergabe sind weitere Bereiche, in denen
homosexuelle Partner diskriminiert werden. In Ost-Berlin seien 50 Prozent der
Kinder unehelich, sagte eine Zuhörerin. Die besondere Förderung der Ehe gehe
daher mittlerweile an den Kindern vorbei. »Ich werde mich dafür einsetzen,
daß der Tatbestand Ehe nicht zu weiteren Förderungen führt«, versprach Renate
Schmidt. Ein Hamburger Journalist und Theologe wünscht sich dennoch eine
»richtige Ehe« für die Homos. Denn die könne nicht so leicht außer Kraft
gesetzt werden, wenn es - wie in England - zu einem »Rollback« gegen die
Homosexuellen kommen sollte. Sein Traumziel sei allerdings nicht der
Traualtar, sondern »ein schwuler Bundespräsident, mit einem schwarzen Freund,
der eine lesbische Nuntia aus dem Vatikan empfängt«. Marc Fest