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T901102.173 TAZ-BERLIN Nr. 3251 Seite 23 vom 02.11.1990
103 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Gewalt gegen Schwule - Gegenwehr mit der Polizei?
Gewalt gegen Schwule - Gegenwehr mit der Polizei?
Podiumsdiskussion im Rathaus Friedenau/ Kooperation mit der Polizei -
ja oder nein?/ Viele haben Angst vor »Rosa Listen« bei der Polizei
Friedenau. Der Faustschlag trifft Rüdiger (22) mitten ins Gesicht.
Seine Brille geht zu Bruch, an der Nase läuft Blut aus einer Schnittwunde.
Unter einer Brücke in Esslingen bei Stuttgart greifen gleich drei Täter ihn
und seinen Freund brutal an. Im Krankenhaus sieht Rüdiger seinen Widersacher
zufällig wieder. Denn der hat sich beim Schlag auf die Brille ebenfalls an
seiner Hand verletzt. Rüdiger geht zur Polizei und erstattet Strafanzeige.
Das ist die Ausnahme. Denn häufig trauen sich schwule Gewaltopfer aus Scham
und Angst nicht zur Polizei; so bleiben die Täter meistens unbestraft. Um
Gewalt gegen Schwule ging es Mittwoch abend auf einer
Diskussionsveranstaltung, zu der Talkmaster Matthias Frings etwa 180
ZuhörerInnen im Rathaus Friedenau begrüßte. Neben Dieter Telge (AL), offen
schwules Mitglied des Abgeordnetenhauses, saßen auf dem Podium der Berliner
Kriminalhauptkommissar Heinz Uth, nach eigenem Bekunden »nicht schwul« und
seit dem 18.10. auf Geheiß des Polizeipräsidenten Deutschlands erster
Vertrauensbeamter für »homosexuelle Belange«; ferner Hans Janssen, ein offen
schwuler Polizist aus Amsterdam; Hans Stevens, seit acht Jahren Mitarbeiter
in einem schwulen Amsterdamer Antigewaltprojekt, und Günter Dvorak,
wissenschaftlicher Mitarbeiter der Grünen in Nordrhein-Westfalen.
»Wie hältst du's mit der Polizei?«, war die heiß diskutierte Gretchenfrage.
Telge geißelte Kriminalhauptkommissar Uth vor allem wegen der martialischen
Razzien der Polizei in Parkanlagen. Die letzte gab es diesen August im
Tiergarten, als die Polizei zu mitternächtlicher Stunde mit viel Flutlicht in
die Büsche einfiel - angeblich auf der Suche nach Fahrraddieben. Aufgrund
solcher traumatischer Erstkontakte mit der Polizei würden viele Schwule bei
einer erlittenen Gewalttat vor einer Anzeige zurückschrecken. Die
Schwulenphobie sei allerdings ein »hausgemachtes Problem« der Polizei, das
sie von sich aus lösen müsse.
»Der Polizei muß auf die Füße getreten werden«, hielt Frings dagegen, und
auch Günter Dvorak plädierte für einen »Deal« mit der Staatsgewalt: Eine
gewisse polizeiliche Parkpräsenz sei nicht zuletzt auch im Interesse der
Schwulen. Wichtig sei, daß auch Polizisten offen schwul auftreten könnten,
erklärte Hans Janssen. Das Schwulsein dürfe für die Polizei kein Problem
darstellen. In den Niederlanden fördert die Polizeiführung deshalb bereits
seit Jahren mit Tagungen und Fortbildungskursen die Toleranz der Polizisten
untereinander, in Stellenanzeigen wird sogar ausdrücklich um schwule und
lesbische Beamte geworben.
»Null«, beantwortete Heinz Uth die Frage nach der Anzahl der ihm bekannten,
offen schwulen Polizisten. Und mit »hopp, hopp, hopp« und ähnlichen
Aussprüchen würden Kollegen selbst ihn wegen seiner neuen Tätigkeit hänseln.
Uth versicherte, daß es seines Wissens in Berlin keine sogenannten »Rosa
Listen« mit persönlichen Daten von Schwulen gebe. Ein Problem sei die
Unentschiedenheit der Schwulen untereinander, was die Zusammenarbeit mit der
Polizei betreffe.
»Ich will einem Beamten nicht erst erklären müssen, was eine Klappe ist,
bevor er mir hilft«, wünschte sich ein Zuhörer. Doch gerade hier erkannte
eine Lesbe das Problem: In der »Normnalbevölkerung« sei die schwule »Klappen-
und Parkkultur« noch weitgehend unbekannt. Was in dem Leben vieler Schwuler
als historisch gewachsener Freiraum für Sex eine wichtige Rolle spielt, stößt
selbst bei aufgeschlossenen Menschen immer noch auf Unverständnis.
Marc Fest