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T940103.177 TAZ-BERLIN Nr. 4203 Seite 28 vom 03.01.1994
180 Zeilen von Portrait marc fest
"Ihr werdet euch noch wundern"
"Ihr werdet euch noch wundern"
Gesichter der Großstadt: Der FU-Philosoph Wolfgang Fritz Haug ist
Westberlins prominentester Karl-Marx-Experte / Haug über Marx:
"Aktueller denn je"
Komisch ist das nur im Rückblick: Als "lupenreinen Moskau- Kommunisten"
verteufelte Springers Welt einstmals den FU-Professor Wolfgang
Fritz Haug - 1978, als SPD-Wissenschaftssenator Peter Glotz den umstrittenen
Marxisten nach heftigem Gerangel als schlechtbezahlten C2-Professor in die FU
geschmuggelt hatte. Hysterisches Kaltes-Kriegs-Gezeter. Aber in Wirklichkeit
war die heiße Marx-Welle schon lange am verdampfen.
Sechs Jahre vorher, 1972, war das anders: Da drängelten sich 500 hitzige
Studenten beim Privatdozenten Haug, um leidenschaftlich Marxens "Kapital" zu
lesen. "Da bekriegten sich Trotzkisten, Spontanisten und all die anderen
Fraktionen, und ich konnte kaum einen Satz zu Ende sprechen", erinnert sich
Westberlins bekanntester Marxismus-Experte mit einer Spur von Wehmut in der
Stimme. Denn zwanzig Jahre später sitzen gerade mal fünfzig Teilnehmer in dem
gleichen "Kapital"-Kurs, und es sind Phlegmatiker im Vergleich zu den alten
Flügelkämpfern. Wintersemester 1993/94: Die Freie Universität ist längst
marode, der Kapitalismus in einer schweren Krise, der Ostblock nicht mehr
existent - und Wolfgang Haug inzwischen 57 Jahre alt.
"Bewundernswerte Ehrlichkeit" angesichts des Scheiterns attestiert die
Zeit diesem Philosophen, der seine Gedankengänge immer in
ziselierter Perfektion ohne "ähs" und "mmhs" vorbringt. In seinem
"Perestroika-Journal" von 1990 führt Haug geradezu masochistisch Tagebuch
über den Niedergang des Ostblocks, über das Versagen seines Hoffnungsträgers
Michail Gorbatschow - und damit auch über sein eigenes Scheitern.
"Versuch, beim täglichen Verlieren des Bodens unter den Füßen neuen Grund zu
gewinnen", lautet der programmatische Untertitel; "Lernen tut weh", ermahnt
Haug folgerichtig die "Kapital"-Studenten des Jahrgangs 1993, und er verweist
damit nicht nur auf Aristoteles, sondern auch auf selbst durchlittene
Erfahrung.
Aber was hat er nun gelernt? Daß die Interpretation dort gefährlich wird, wo
Marx andeutet, daß soziale Vermittlungsstrukturen, wie Parlament oder
Verfassungsgericht, letztendlich überflüssig seien - utopisches Saatgut für
"schreckliche Gewalt, wie beispielsweise beim Stalin-Regime", sagt Haug, der
bereits seit 1985 einen moderaten "pluralen Marxismus" vertritt.
Allerdings: Als Analytiker der kapitalistischen Grundstrukturen sei Marx
angesichts der Rezession "aktueller denn je" und "höchst brauchbar". Denn er
zeige, wie das kapitalistische System unvermeidlich immer wieder in die Krise
schliddert. "Die aktuelle Misere ist nicht irgendeine, sondern sie berührt
die Grundfesten unseres Systems. Ihr werdet euch noch wundern",
prognostiziert Haug seinen fünfzig Zuhörern eines Montag abends mit sanfter,
aber um so eindringlicher Stimme, daß manchem Wohlstandsstudenten unter den
Anwesenden ganz anders wird, und er, schaurig erschreckt, die Kuschelfelle
seiner bohemianten Existenz bereits davonschwimmen sieht.
Als habe dagegen unter ihm der Boden nie geschwankt, gestikuliert Haug mit
Verve, doziert hochkonzentriert, doch dabei immer allgemeinverständlich,und
läßt sich mit "Leiden-schaft" auf die Schar der fünfzig ein. "Ich bin nicht
verbittert", kommt es über seine vollen Lippen, die verraten, daß hier ein
gefühlvoller Mensch gerade sein Credo verkündet. Trotz der Entutopisierung
von Marx fehlen dem Hobby-Klavierspieler mit dem schütteren, grauen Haarkranz
und der klassisch hohen Denkerstirn die Visionen nicht, denn: "Jede Utopie
schnurrt doch letztlich darauf zusammen, daran zu glauben, daß es ein
lebenswertes Dasein geben kann." Darauf scheint Haug alles
"zusammenzuschnurren", trotz des augenscheinlichen Scheiterns weiterzumachen,
trotz des schwankenden Bodens aufrecht Haltung zu bewahren und sich dem
Zynismus zu verschließen. Obwohl so viel bereits verloren ist: die Visionen
der Endsechziger ("damals dachten wir, alles wäre möglich"); und die
Verheißung der Wintermonate von 1989, als die DDR noch eine Chance zu haben
schien, sich zu erneuern. "In einer reformierten DDR wäre mein Buch ,Der
plurale Marxismus` heute ein bedeutendes Werk", sagt Haug mit einem Hauch von
Trotz.
Solch offensichtliche Enttäuschung blitzt bei ihm nur selten auf: dann
beispielsweise, wenn er eine Spur zu prompt versichert, die niedrige
C2-Einstufung seiner Professur sei ihm "sooo" egal; oder dann, wenn er
unerwartet bescheiden betont, es ja immerhin zu "Weltruhm" gebracht zu haben
- mit seinem in zehn Sprachen übersetzten Buch über die Warenästhetik. Dieses
Buch jedoch - und das ist die subtile Ironie - handelt nicht von der besseren
Gesellschaft, sondern von den Verpackungstricks der Industrie.
Und auch dann blitzt Haugs Enttäuschung auf, wenn ein Student Montag abends
verspätet in den Marx-Kurs platzt und Haugs liebevoll entwickelte
Gedankenkette sprengt, um die neuesten Streik-Beschlüsse aus der
Vollversammlung zu verkünden. Da rutscht Haug dann der Vorwurf an seine
Zuhörer heraus: von der "Verslumung" der Uni im allgemeinen und von der
"Verrostlaubung" des Philosophischen Instituts im besonderen.
Denn Haug weiß wohl, daß er auch an diesen fünfzig Marx-Lesern zu 99 Prozent
scheitern wird - oder besser: sie an ihm. Seine unermüdliche Ernsthaftigkeit
wird dem Philosophen indes gedankt, auf sehr studentenuntypische Weise: Denn
selbst wenn Haug seine dreistündige Abendvorlesung, wie oft, eine halbe
Stunde überzieht, wagt kaum einer, vorzeitig zu gehen - ein solch schlechtes
Gewissen will sich niemand aufbürden. Marc Fest