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T930604.124 TAZ Nr. 4024 Seite 18 vom 04.06.1993
82 Zeilen von Kommentar marc fest
Standbild
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Im Kosmößchen
"Parlazzo", Mittwoch, West 3, 19.45 Uhr
Ganz, ganz schrecklich dringend bat der taz-Medienredakteur, der Kritiker
möge sich doch bitte, bitte noch in letzter Minute die WDR-Medien-Show
"Parlazzo" antun. Und völlig unerwartet erschien darin der taz- Chefredakteur
- eingeladen als Experte zum Thema "Journalisten an die Leine". Das kann doch
nur ein Zufall sein.
Leinen los: Da erzählt der Filmschauspieler Uwe Friedrichsen ("Oppen und
Ehrlich") vom "großen Wurf", der ihm demnächst sicher gelingen wird. Da
erklärt Ex-Eiskunstläufer Hans- Jürgen Bäumler (alias "Salto
Mortale"-Darsteller Viggo Doria), er könne damit leben, "einmal einer von
Deutschlands bekanntesten Sportlern gewesen zu sein". Und die Barbie-gestylte
Moderatorin Bettina Böttinger verkündet, auch nur scheinbar scherzhaft, sie
sehe "nur einmal im Monat so aus". So nach Beauty-Set. "Warum?" hadert indes
der Kritiker, warum soll ausgerechnet diese Show kritisiert werden?
Bestimmt nicht wegen des taz- Chefs: etwas weniger eitel, aber dafür
bierernst und nicht gerade originell räsonniert Michael Sontheimer über die
schwarzen Schafe unter den Journalisten. "Hohe Schmerzensgelder in die
Hunderttausende" fordert er gegen journalistische Entgleisungen. Da kann auch
Joseph Theodor Blank, medienpolitischer Sprecher der CDU, nur beipflichtend
nicken.
Als gebe ein rastloser TV-Junkie die Regieanweisungen mit der Fernbedienung,
so zappt sich "Parlazzo" durch 75 belanglose Minuten. Weder der Dackel der
Moderatorin noch ein Double der britischen Königin, das als Running Gag durch
die Kulissen stolpert, mildern die Sinnkrise: "Warum diese Show?"
"Ist das Wort das große Superding?" fragt die Moderatorin den ergrauten
Zeitgeist-Experten Mathias Horx. "Irgendwie hat das Kollektiv der Zuschauer
Intelligenz herausgebildet", fabuliert der Trendguru. Jeder baue sich mit der
"Wunderwaffe Fernbedienung" seine eigene "Bildtapete, sein eigenes kleines
Kosmößchen". Unter Umständen greife das Publikum dann "irgendwann" zum
Abschaltknopf - eine Intelligenzleistung, zu der ein Kritiker per
definitionem leider unfähig zu sein hat.
Wochenpost-Chef Mathias Greffrath setzt den einzigen Akzent im
medialen Durchfall: Der durch die TV-Kanäle zappende Zuschauer könne sich
"seine Scheiße heutzutage selber quirlen" - bei "Parlazzo" braucht er dazu
allerdings nicht einmal die Fernbedienung. Marc Fest