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T900704.228 TAZ-BERLIN Nr. 3148 Seite 22 vom 04.07.1990
96 Zeilen von TAZ-Bericht marcus fest
"Die Belegschaft ist am Kochen"
"Die Belegschaft ist am Kochen"
Kein Sauerbraten für Touristen trotz wedelnder Zehnmarkscheine: Die
140köpfige Belegschaft im Ostberliner "Ratskeller" streikte gegen ihr
Management - und aus Angst vor der Zukunft
Mitte. So schön hätte die Woche am Montag anfangen können. Alle hatten
plötzlich echtes Geld, und jeder konnte sich doch nun endlich kaufen, was er
nur wollte. Wie ein Schock traf es viele hungrige Touristen, daß die
Belegschaft des Ostberliner "Ratskellers" am Montag, 16 Uhr, in den Streik
trat. Die KellnerInnen versperrten entschlossen und mit Pappschildern
bewaffnet ("Dieser Betrieb wird bestreikt") den Zugang zu den romantischen
Gewölben unter dem Roten Rathaus. Ganz im Gegensatz zu früher half den
perplexen Touris, denen es nach deftigem Sauerbraten verlangte, auch nicht
das Wedeln mit einem originalen Zehn-DM-Schein - denn die hat ja jetzt jeder.
"Die Belegschaft ist am Kochen", so der Somelier (Kellermeister) des Hauses,
Andreas Frese, und meinte damit weniger den normalen Dienstbetrieb, sondern
die Wut des 140köpfigen Personals. Grund für die heiße Atmosphäre im sonst
kühlen "Ratskeller" ist die Dienstsuspendierung des gastronomischen Managers,
Lutz Pattis. Der hatte durch viel Improvisation und persönlichen Einsatz in
den letzten Monaten für die Aufrechterhaltung des Restaurantbetriebes
gesorgt. Daß der sozialistische Dienstweg dabei nicht immer eingehalten
wurde, sei doch wohl logisch, findet der Somelier Frese. Die Quittung für
seine Eigeninitiative bekam der rührige Pattis nun vom Direktor des
"Ratskellers", Harry Reimann, serviert. Der war übrigens schon zu alten SED
-Zeiten Chef in den ehrwürdigen Gewölben und habe sich nach der Wende kaum
noch um den Betrieb gekümmert. Mehrmals wurde ihm deshalb vom Betriebsrat des
"Ratskellers" das Mißtrauen ausgesprochen, allerdings ohne Erfolg. Nun
fordern die RatskellnerInnen ultimativ seinen Rücktritt.
Trotz seiner sozialistischen Vergangenheit führt Reimann ein strenges
Marktwirtschaftsregiment. Die Preise wurden von ihm drastisch erhöht, so daß
der besagte Sauerbraten nun 21,50 DM anstatt 11,50 Ostmark kosten soll. Bei
solchen überkalkulierten Preisen bleibe aber die Kundschaft aus, so Chefkoch
Zwicke. Folge: Dem Ratskeller droht der Ruin. Dieses könnte dem Direktor
nicht ungelegen kommen, befürchten viele Belegschaftsmitglieder. Zuständig
für die Privatisierung des Ratskellers ist ein guter Bekannter von Reimann,
Erich Weber. Er ist Chef der Treuhandgesellschaft, die alle HO-Betriebe
Ost-Berlins in Privatfirmen umwandeln soll, nebenbei war er auch strammes
SED-Mitglied, so Frese. Die Belegschaft befürchte nun, daß ein
herbeigeführter Bankrott des "Ratskellers" zur "persönlichen Fortentwicklung
gewisser Herren" mißbraucht werden könnte, wie ein Kellner vorsichtig
formuliert.
Die Lage im "Ratskeller" entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Mit 140
Angestellten ist er im Vergleich zu ähnlichen Restaurants im Westen
hoffungslos überbesetzt. Und mit der D-Mark ist jetzt auch der Kapitalismus
da, mit all seinen Konsequenzen. Daß sich ehemalige SED-Schergen nun als
dynamische Jungunternehmer hervortun, ist dabei ein zusätzlicher Zynismus des
Schicksals.
Gestern nachmittag fand der Streik dann sein frühes Ende. Mit einem letzten
Angebot setzten die Direktoren auf die Solidarität der Belegschaft. Entweder
gehen beide, Reimann und Pattis, oder beide bleiben, lautete ihr ultimatives
Angebot. Die Rechnung ging auf. Die Belegschaft entschied sich resigniert für
die zweite Alternative.
Marcus Fest