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T901204.219 TAZ-BERLIN Nr. 3277 Seite 28 vom 04.12.1990
119 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Cowboykotteure sprachen mit Philip Morris
Cowboykotteure sprachen mit Philip Morris
Die Aids-Aktionsgruppen ACT UP nahmen Kontakt mit dem
Zigarettenkonzern Philip Morris auf, dessen Glimmstengel sie
boykottieren/ Philip Morris unterstützt schwulenhasserischen
US-Senator/ Schwulengruppen Schweigegeld angeboten
Berlin. Armer Marlboro-Mann. Millionen von Schwulen strafen ihn
derzeit mit Liebesentzug, indem sie seinen Glimmstengel nicht mehr anrühren.
Die Aids-Aktionsgruppen ACT UP rufen seit April weltweit zum Boykott der
meistverkauften Zigarette auf, damit deren Hersteller, der Multikonzern
Philip Morris, seine finanzielle Unterstützung für den republikanischen
US-Senator Jesse Helms (North Carolina) einstellt. Der 69jährige Südstaatler
Helms, seit 1973 im Senat und erst im November gegen den schwarzen Demokraten
Harvey Gannt mit 53 Prozent überlegen, erweist sich seit Jahrzehnten als
einer der einflußreichsten Schwulenhasser in den USA (siehe taz vom 19.7.90).
Für Helms sind Schwule »disgusting people« (ekelhafte Menschen). Ein von
Helms 1987 eingebrachter Verfassungszusatz verbietet die staatliche
Finanzierung von Aids- Aufklärungsmaßnahmen, wenn diese Schwulsein als
gleichberechtigten Lebensstil darstellen. Auch vorgeschriebene Aids-Tests für
Immigranten und eine Kampagne gegen »die Verherrlichung obszöner Lebensstile
in der Kunst« gehen auf das Konto des Abtreibungsgegners und Contra-Freundes
Jesse Helms.
Mittlerweile sorgt sich Philip Morris (Umsatz: 45 Mrd. Dollar) um sein
Produktimage. Nicht ohne Grund: Die Fluppe mit dem Macho- Touch ist
inzwischen aus den Automaten vieler schwuler Szeneläden verbannt. Eine
Verringerung des Marktanteils um nur ein Prozent würde allein in den USA eine
Umsatzeinbuße von einer Viertelmilliarde Dollar bedeuten. Zudem ist die
ursprünglich rein schwule Protestwelle inzwischen auch in die Kunstszene
hineingeschwappt. Dort konnte sich Philip Morris bis vor kurzem noch durch
vielfältige Sponsoraktivitäten Lorbeeren verdienen. Das Hamburger
»Schmidt-Theater« kündigte seinen Sponsor-Vertrag, das Kölner »Theater am
Tor« stieg ebenso aus, und in Frankfurt brach die »Filmschau« laufende
Verhandlungen mit dem Münchner Tabakkonzern ab.
Doch nicht genug: In Köln startete die Konkurrenzmarke »Lucky Strike« vor
kurzem eine neue Werbekampagne. Blickfang auf den Reklametafeln: schöne
Männer, sonst nichts. Kein Wunder also, daß Philip Morris Kontakt zu den
schwulen Boykotteuren sucht. In Deutschland entsandte das Unternehmen zu
diesem Zweck vor zwei Wochen einen Vermittler zu den ACT-UP-Gruppen nach Köln
und Berlin. Direkte Gespräche waren im Juli gescheitert. Zu dem Berliner
Gespräch traf man sich in einem Kreuzberger Restaurant. Der Mittelsmann,
selbständiger Marketing-Experte aus Frankfurt, habe »abzuklären« versucht, ob
»größere finanzielle Zahlungen an Aids-Selbsthilfeorganisationen die
ACT-UP-Gruppen zu einem Abbruch des Boykotts bewegen könnten«. Beide
ACT-UP-Gruppen haben dieses Angebot zurückgewiesen und statt dessen
gefordert, daß sich die deutsche Philip Morris GmbH öffentlich von den
Spendenpraktiken der New Yorker Konzernzentrale distanziere. Der Vermittler
habe »dies nicht in Aussicht stellen wollen«, so ACT UP.
»Die Frage ist doch: Wem will man eigentlich helfen?« meint dagegen der
Frankfurter Philip-Morris- Mittelsmann zur taz. Den ACT-UP- Mitarbeitern warf
er »Stasi-Methoden« vor. Von dem Geldangebot distanzierte sich der
Marketing-Experte. Er fühle sich durch die Bekanntmachung der Gespräche von
ACT UP »mißbraucht«.
»ACT UP lügt«, sagte Udo Wolff, Pressesprecher der Münchner Philip Morris
GmbH gegenüber der taz. Ein Geldangebot habe es nie gegegen. Außerdem sei
Philip Morris ein »liberales« Unternehmen, dessen Spendenvolumen für
Aidshilfeorganisationen allein in diesem Jahr in den USA eine Million Dollar
erreiche. An Jesse Helms persönlich seien dagegen in den letzten 13 Jahren
insgesamt lediglich 21.000 Dollar gezahlt worden, für ein Helms-Museum habe
es zusätzlich noch einmal 200.000 Dollar gegeben. Die Unterstützung für Helms
werde der Konzern auch in Zukunft nicht einstellen, selbst wenn Philipp
Morris die Ansichten des Senators zu Homosexualität, Aids und Kunst in vielen
Punkten nicht teile. Marc Fest