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T910605.186 TAZ-BERLIN Nr. 3422 Seite 22 vom 05.06.1991
72 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Schwule und Lesben in Uniform
Schwule und Lesben in Uniform
Bündnis 90/Grüne fordert schwule und lesbische PolizistInnen/ Mehr
Aufklärung in den Schulen
Berlin. Die Berliner Polizei solle endlich gezielt schwule und
lesbische PolizistInnen einstellen - das forderte gestern Christian Pulz,
offen schwules Mitglied im Abgeordnetenhaus und schwulenpolitischer Sprecher
der Fraktion Bündnis 90/Grüne. Nur durch diese Maßnahme, die sich in Städten
wie Amsterdam und San Francisco schon seit Jahren bewähre, könne die Polizei
Schwule und Lesben vor rechtsradikalen Überfällen schützen.
Als weitere Konsequenz aus den jüngsten Überfällen in Mahlsdorf und Mitte
verlangte Pulz die Einstellung aller antischwulen Polizeirazzien. Ferner
müsse die Berliner Polizei einen hauptamtlichen Schwulen- und
Lesbenbeauftragten einsetzen, der nach Möglichkeit selbst schwul oder
lesbisch sein solle. Der bisherige Beauftragte, Kriminalhauptkommissar Heinz
Uth, ist nur nebenamtlich für die Schwulen und Lesben tätig und nach eigenem
Bekunden nicht schwul.
»Die Schwulen sind es leid, auf die Polizei zu warten. Die rechtsradikalen
Angreifer müssen sehen, daß sich ihre Opfer auch wehren können«, meinte Pulz.
»Antifaschistische Selbstschutzgruppen« dürften daher nicht kriminalisiert
werden. Zwar sei er gegen gezielte Gegenangriffe auf »faschistische Nester«,
doch selbst dafür hätte er, »ehrlich gesagt«, Verständnis. Am wichtigsten sei
es jedoch, zwischen Lesben- und Schwulengruppen und der Polizei einen
gemeinsamen »Informationspool« einzurichten. In diesem Forum könnten alle
Beteiligten an einem gemeinsamen Sicherheitskonzept arbeiten.
Die Schulverwaltung müsse es den Schwulen- und Lesbengruppen außerdem
erlauben, in den Schulen Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten. Über
die »unwissenschaftlichen Äußerungen« von Schulsenator Jürgen Kleemann (CDU)
sei er »sehr betrübt«, sagte Pulz. Mit der Begründung »biologisch normal ist
die Heterosexualität« hatte Kleemann schwul-lesbische Aufklärungsarbeit an
den Schulen abgelehnt.
Das Bündnis 90/Grüne verlangt vom Senat außerdem 200.000 Mark für den Aufbau
eines Schwulen- und Lesbenhauses. Besonders geeignet hierfür sei eine Etage
im »Haus der Jungen Talente« (HdjT), das gegenwärtig »abgewickelt« wird. Das
HdjT empfehle sich auch aufgrund seiner innerstädtischen Lage, meinte Halina
Bendkowski vom Bündnis 90/Grüne. Abseits in einem Außenbezirk wäre die
Bedrohung durch rechtsradikale Überfälle wesentlich höher. Marc Fest