Copyright © contrapress media GmbH
T910606.187 TAZ-BERLIN Nr. 3423 Seite 28 vom 06.06.1991
92 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Wir wollen kein Ramstein«
»Wir wollen kein Ramstein«
Tempelhofer BürgerInnen protestieren gegen den Fluglärm/ 2.400
Prozent mehr Privatflüge/ Weder Lärmschutzbereich noch
Fluglärmmeßanlage
Tempelhof. Rückflug in die roaring twenties: Seit der
deutschen Einheit lebt Rentner Werner Gutsche im Kerosinrausch. Denn mit der
Wende kamen für den Flughafen Tempelhof auch die guten alten Zeiten zurück.
Die jetzt wieder geltenden luftfahrtrechtlichen Genehmigungen stammen aus den
zwanziger Jahren. FünfzigMeter vor Gutsches Haus in der Oderstraße dröhnen
nun die Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes, landet die wohlbetuchte
Quelle-Chefin Schickedanz mit ihrem Privatjet und startet die 'Super`-Zeitung
ihren Werbeflieger. »Bis zu einer Viertelstunde warten die Maschinen auf ihre
Starterlaubnis - mit röhrenden Motoren, direkt vor meiner Haustür«, klagt der
68jährige Rentner aus Tempelhof.
Seit dem Wegfall des alliierten Sonderstatus boomt der Luftverkehr in
Tempelhof: Bundeswehr, Bundesgrenzschutz, Liniengesellschaften und vor allem
Besitzer von Privatmaschinen fliegen inzwischen den Militärflughafen der
Amerikaner an, die erst 1994 ihren endgültigen Abflug machen müssen. Im März
des vergangenen Jahres landeten und starteten 637 Flugzeuge, darunter 42
Privatflieger, auf dem »Flughafen direkt im Herzen Berlins«, wie eine
Fluglinie wirbt. Im gleichen Zeitraum ein Jahr darauf verursachten 2.617
Starts und Landungen, davon 1.016 private Flüge, eine erhebliche Zunahme an
Lärm im Tempelhofer Luftraum.
Anne Schmidt von der »Bürgerinitiative Flughafen Tempelhof« fürchtet
inzwischen um die »körperliche Unversehrtheit« der lärmgeplagten Anwohner.
Stellvertretend für die Bürgerinitiative engagierte sie daher den
Rechtsanwalt Klaus- Martin Groth, ehemaliger Staatssekretär von
Ex-Umweltsenatorin Michaele Schreyer. In einem Antrag an den zuständigen
Bundesverkehrsminister Krause (CDU) verlangt Groth, den Fluglärm auf das Maß
von 1990 zu reduzieren.
Doch noch fehlen den Fluglärmgegnern sichere Zahlen: Da für den Flughafen
Tempelhof kein Lärmschutzbereich existiert, gibt es auch keine
Fluglärmmeßanlage. Die Berliner Flughafengesellschaft hat inzwischen
zugesichert, ein Meßnetz zu installieren.
Auf einer Versammlung der Bürgerinitiative forderte Dieter Nöthlich,
Kreisdelegierter der Neuköllner SPD, den Flughafen Tempelhof so schnell wie
möglich zu schließen. Die Neuköllner Sozialdemokraten möchten das 40 Hektar
große Areal am liebsten zu jeweils einem Drittel mit Parkanlagen, Wohnungen
und Gewerbeeinrichtungen bebauen. Der Bezirksverordnete Bernd Golm (CDU)
verwies auf die überlasteten Flughäfen Tegel und Schönefeld. Der Flughafen
Tempelhof könne erst dann geschlossen werden, wenn der für das nächste
Jahrtausend geplante Großflughafen im Süden Berlins einsatzbereit sei.
»Wir wären ja schon froh, wenn die Privatjets und Hubschrauber nicht mehr
fliegen würden«, meint Annette Metzner von der BI Flughafen Tempelhof. Einmal
sei ein herrenloses Antennenteil in sein Wohnzimmerfenster eingeschlagen,
erinnert sich Rentner Gutsche mit Schaudern. Seine Meinung: »Ein Flughafen
hat mitten in der Stadt nichts zu suchen. Wir wollen kein Ramstein hier.«
Marc Fest