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T910308.207 TAZ-BERLIN Nr. 3351 Seite 28 vom 08.03.1991
150 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Ein Café gegen Aids-Angst und Vereinsamung
Ein Café gegen Aids-Angst und Vereinsamung
Seit seiner »Imagewende« vom Ostberliner Besetzer- zum
Café-Galerie-Ambiente boomt das »Café PositHIV«/ Design contra
Depression
Schöneberg. Dirk hat Aids: »Soll ich deshalb hier nur etwa sitzen
und rumheulen?« Der gutaussehende Mittzwanziger schaut sich demonstrativ um.
Im Schöneberger »Café PositHIV«, einem Selbsthilfeprojekt von HIV-Infizierten
und Aidskranken, treffen mann und frau sich nicht zum Trübsalblasen.
Designerstühle und schwarze Bistrotische, expressionistische Porträtbilder an
den hellen Wänden, gedimmte Halogenstrahler, dezente Musik, eine Bar - auf
den ersten Blick keine Spur von Aids, Trauer oder Tod. Das »PositHIV«:
aufgemacht wie ein In-Café mit Galerie-Ambiente.
Mit dem Besetzercharme ist es nun vorbei
Anders noch im vergangenen Jahr: Damals verbreitete das »PositiHIV« eher den
Charme eines Ostberliner Besetzer-Cafés: Plüschsofas statt Designermöbel,
schummrige Oma- Gemütlichkeit statt Vernisage-Atmosphäre und ein muffiger
Geruch aus alten Zeiten, als noch ein Metzger auf den 70 Quadratmetern seine
Würstchen verkaufte. Doch das Improvisatorisch-Betuliche war gewollt. Das
PositHiv solle den Opfern des HIV-Virus vor allem als unauffälliges Refugium
dienen. Der Tresen lag deshalb versteckt im Hinterzimmer. Im Vorderraum mit
den großen Fenstern, wo heute die Bar steht, veranstalteten die 15
ehrenamtlichen Mitarbeiter hinter zugezogenen Gardinen ihre Gruppenseminare.
Um dabei nicht zu stören, sollten mann und frau das Café am besten durch
einen Seiteneingang betreten.
Gäste kamen - und gingen oft gleich wieder. Obwohl als »niedrigschwellig«
konzipiert, trauten sich an manchen Abenden von den schätzungsweise 25.000
Berliner HIV-Infizierten nicht einmal zehn über die Türschwelle ins PositHiv.
»Da gab es eine richtige Mauer«, erinnert sich Dirk. Das Unternehmen krankte
zudem an organisatorischen Schwierigkeiten. Zeitweise kuriserten bis zu 20
Eingangsschlüssel, achtmal wurde eingebrochen und Geld aus der Kasse
gestohlen. Eine Krisensitzung im Oktober 1990, gerade ein Jahr nach der
Eröffnung, sollte die Talfahrt stoppen. Enttäuscht verließen einige der
Initiatoren das Projekt, andere mit neuen Ideen stießen hinzu. Die Berliner
Aids-Hilfe (BAH) finanzierte - nach anfänglichem Zögern - die Umgestaltung
mit 20.000 Mark. Am 15. Februar feierten die Betreiber die Wiedereröffnung
des neuen PositHiv.
Manchmal wird der Erfolg fast schon ungesund
Seit der »Imagewende« floriert das Café. Vor allem sonntags ist »die Bude
voll«. Das bedeutet Knochenarbeit hinter den Tresen. Für die zum Teil
aidskranken Mitarbeiter manchmal zuviel des Guten. Der Erfolg übersteigt dann
die Grenze ihrer gesundheitlichen Belastbarkeit. Nicht zuletzt auch deshalb
der frühe Zapfenstreich. Schon um 22 Uhr sollen die Stühle eigentlich auf den
Tisch. »Doch immer öfter wird es später«, so Thomas, einer der Macher.
Nicht nur die Öffnungszeiten machen deutlich: »Es« ist immer da. »Die
Krankheit ist präsent, ob nun jemand voller Kaposi (aidstypischer Hautkrebs)
ins Café kommt, oder ein anderer dauernd in die Küche rennt, um sich dort
Morphium zu spritzen«, schildert Thomas. »Doch beraten wird hier nicht«, fügt
er fast trotzig hinzu. »Dafür haben wir BAH. Wir suchen vor allem das
gesellige Beisammensein. Das bewirkt oft mehr als ein Beratungsgespräch.«
Damit die gute Stimmung die Obermieter nicht verstört, wurde beim Umbau
vorsorglich eine Schallschutzdecke eingezogen. Keinen Schutz wissen die
Mitarbeiter bisher gegen die schwulenfeindlichen Beschimpfungen und Angriffe
durch zumeist türkische Jugendliche - hier, in der Großgörschenstraße an der
Grenze zwischen Kreuz- und Schöneberg, ein sensibles Dauerproblem. »Wir
versuchen, den Provokationen aus dem Weg zu gehen«, sagt Dirk. Manchmal ist
das schwierig. Bei der Wiedereröffnung Mitte Februar flogen Schneebälle gegen
die Fenster; vor der Tür mußten die Besucher des Cafés zeitweise mit Prügel
rechnen. Allerdings: Die Verkäufer im benachbarten Lebensmittelladen seien
sehr zuvorkommend. »Dort kaufen wir jeden Freitag die Getränke, und die
wissen auch Bescheid«, sagt Dirk. Manchmal mißt auch ein Wegwerffeuerzeug die
Akzeptanz: Der unübersehbare Aufdruck Café PositHIV sorge, so Dirk, immer
wieder für neue »Feuerzeuggeschichten«. »Viele Leute flippen immer noch aus,
wenn sie das Ding sehen.«
Wenn die Krankheit bei ihm aufflammt, bleibt Dirk lieber zu Hause: »Im
PositHIV geht es auch immer noch ein wenig ums Sehen und Gesehenwerden. Das
ist mir dann zu stressig.« Thomas kann sich dagegen auch in dem Café
»hängenlassen«, wenn es ihm schlecht geht. »Die Anmache steht für mich dann
nicht im Vordergrund. Sexualasketen sind wir trotzdem nicht. Die Erotik kommt
zum Zug, wie auch immer. Das Flirten gehört schließlich zum Leben.«
Marc Fest
Café PositHIV, Großgörschenstraße 7, Berlin 62 (Schöneberg), Tel.:
7820354. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 17 bis 22 Uhr. Dienstags 18
bis 20 Uhr trifft sich die Malgruppe, mittwochs ist Kartenspielabend,
donnerstags wird ab 13 Uhr gemeinsam gekocht. Kaffee und Kuchen sonntags ab
15 Uhr.