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T900908.192 TAZ-BERLIN Nr. 3205 Seite 31 vom 08.09.1990
79 Zeilen von Agentur marc fest
Engpässe bei der Berliner Aids-Hilfe
Engpässe bei der Berliner Aids-Hilfe
Mit den im Haushaltsentwurf vorgesehenen Geldern für das kommende
Jahr können die Berliner Hilfsorganisationen ihr Angebot nicht
aufrechterhalten / Senatorin Stahmer weist die Vorwürfe zurück
Schöneberg. Das Aids-Koordinationstreffen der Berliner
Selbsthilfegruppen (AKT) schlug gestern auf einer Pressekonferenz in der
Schwulenberatungsstelle Mann-O-Meter Alarm. Ab Anfang nächsten Jahres drohe
den an Aids erkrankten Menschen in Berlin der ambulante Pflegenotstand, falls
der Haushaltsentwurf des Senats wie geplant verwirklicht werden sollte. Die
vorgesehene Erhöhung der Senatsunterstützung reiche gerade zur Finanzierung
der Personalkosten. 322.000 DM fehlten den Selbsthilfegruppen für das
kommende Jahr. Von Einschnitten bedroht sei auch die Aufrechterhaltung der
bisherigen Vorbeugungs- und Beratungsaktivitäten.
Mehr Menschen als je zuvor erkranken inzwischen an Aids. Allein in Berlin
wird für 1991 mit 1.000 Vollbildpatienten gerechnet. Derzeit leben mehr als
600 akut erkrankte Menschen in der Stadt, infiziert sind etwa 25.000. Dank
verbesserter Behandlungsmethoden leben sie inzwischen länger, leiden aber an
schwerwiegenderen Symptomen wie qualvollen Durchfallserkrankungen, Blindheit
oder immer häufiger auftretenden krankhaften Gehirnveränderungen.
Die Anforderungen an Pflegekräfte und Angehörige sind daher gewachsen, und
die Notwendigkeit einer psychosozialen Betreuung nach dem
Krankenhausaufenthalt ist akuter denn je. Trotzdem sind zum Beispiel bei der
Berliner Aids-Hilfe (BAH) gerade in diesem Bereich zwei Stellen gefährdet,
eine davon im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Dort bemüht sich ein Mitarbeiter
der BAH um die Vermittlung vom Aids-Patienten an ambulante Pflegestellen.
Doch die Vermittlungsversuche enden immer öfter erfolglos. So ist HIV e.V.,
eine von Schwulen organisierte ambulante Pflegestation, mit zur Zeit 15
Pflegefällen an die Grenzen seiner Kapazität angelangt. Er fordert zwei
weitere Pflegestationen nach seinem Vorbild - doch bisher ohne Erfolg.
Gefährdet sind auch die vom HIV e.V. veranstalteten Aids-Fortbildungskurse
für die Sozialstationen der Bezirke. Dort sind viele Pflegekräfte im Umgang
mit Aids-Patienten noch immer überfordert.
Die Mitarbeiter bei Mann-O-Meter in der Motzstraße sind ebenfalls
überfordert. Etwa 2.000 Menschen lassen sich dort im Monat beraten - doppelt
so viele wie vor der Grenzöffnung. Trotzdem ist der bisher ABM-geförderte
Arbeitsplatz eines Diplompsychologen gefährdet.
In der nächsten Woche wird sich der Hauptausschuß des Abgeordnetenhauses mit
dem Haushaltsentwurf beschäftigen. Gesundheitssenatorin Ingrid Stahmer (SPD)
wies die Forderungen der Selbsthilfegruppen zurück. Im Haushaltsentwurf seien
etwa 20 Prozent mehr Mittel für die Projekte vorgesehen. Der Gesamtetat der
Gesundheitsverwaltung steige nur um 5,3 Prozent.
Marc Fest/dpa