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T910309.174 TAZ-BERLIN Nr. 3352 Seite 34 vom 09.03.1991
81 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Aus für Schwulen- und Lesbenhilfe?
Aus für Schwulen- und Lesbenhilfe?
Zehnjähriges Jubiläum der »Lesben- und Schwulenberatung in der Kulmer
Straße«/ Senator: Selbsthilfegruppen sollen von Kürzungen verschont
bleiben/ Trotzdem keine Geschenke vom Senat
Schöneberg. »Bald alles vorbei!?« Unter diesem pessimistischen Motto
feierte die »Lesben- und Schwulenberatung in der Kulmer Straße« gestern ihren
zehnjährigen Geburtstag. Während die Gratulanten Blumen brachten, zeigt sich
der Senat trotz des Jubiläums geizig: »11,5 Prozent weniger«, erging unlängst
das Kürzungsdekret des Finanzsenators an alle Berliner Selbsthilfegruppen.
doch nicht jeden trifft es gleichermaßen. Die »Lesben- und Schwulenberatung
in der Kulmer Straße« muß besonders bluten: der Etat für die Aidsberatung und
Selbsthilfe soll um 25 Prozent (150.000 Mark) schrumpfen, der Bereich
psychosoziale Versorgung muß um 20 Prozent (50.000 Mark) abspecken. Vor dem
völligen Aus steht das Ressort Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Die
Etatkürzung hier: 100 Prozent (200.000 Mark).
Das besondere Beratungskonzept der Lesben- und Schwulenberatung scheint der
Finanzverwaltung entbehrlich: Im Gegensatz zur Berliner Aidshilfe (BAH)
leisten die MitarbeiterInnen in der Kulmer Straße weniger »rasche
Katastrophenarbeit«. Der Schwerpunkt liegt statt dessen auf langfristigen
professionellen und therapeutischen Beratungsangeboten. »Unser Aushängeschild
ist nicht Aids, sondern das Schwul- und Lesbischsein«, sagt ein Mitarbeiter.
Auf diese Weise sollen auch Berührungsängste bei solchen Betroffenen
verringert werden, die sich in eine Beratungsstelle, »in der sich alles um
Aids dreht«, nicht hineintrauen. Die Kulmer Straße bietet Hilfe für Schwule
und Lesben in fast allen Lebenssituationen: Beziehungsprobleme, schwules bzw.
lesbisches Coming- out, aber auch Alkoholabhängigkeit. Gerade lesbische
Alkoholikerinnen fühlen sich in anderen Therapieeinrichtungen häufig
diskriminiert. Ratschläge wie »Such' dir mal einen Freund, dann geht es dir
besser«, sind dort keine Ausnahme.
Gefährdet ist auch ein vielversprechendes Projekt in Zusammenarbeit mit der
Berliner Schutzpolizei: Nur selten erstatten schwule und lesbische Opfer von
Gewalttaten Anzeige. Hier soll die Integration von schwul-lesbischen Inhalten
in die Ausbildung von SchutzpolizistInnen helfen, gegenseitige
Berührungsängste abzubauen. Informationsgespräche mit Schulklassen, Pläne für
eine psychologische Beratung vor Ort in Berliner Aids-Schwerpunktpraxen und
psychosoziale Fortbildungsangebote für andere Sozialeinrichtungen stehen
außerdem auf dem Spiel.
Hohen Besuch gab es in der letzten Woche: Gesundheitssenator Peter Luther
(CDU) schaute persönlich in der Kulmer Straße vorbei und zeigte sich
beeindruckt. Seine Meinung: »Die Arbeit der Selbsthilfegruppen ist
unverzichtbar.« Sie sollten am besten von den Kürzungen verschont bleiben,
findet der Senator. Wohl nur ein frommer Wunsch. Denn das Sagen hat in diesem
Fall der Senator für Finanzen. Marc Fest