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T920609.123 TAZ Nr. 3725 Seite 13 vom 09.06.1992
79 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
WDR blies zur Zensur
WDR blies zur Zensur
"Schmidt - die Mitternachtsshow" aus West3 gekippt
Hamburg/Berlin (taz) - Aus "inhaltlich juristischen Gründen" hat der
Westdeutsche Rundfunk am Sonntag abend kurzfristig die Unterhaltungssendung
Schmidt - die Mitternachtsshow aus seinem dritten Programm
gekippt. Statt dessen präsentierte die Ansagerin als schon "lange erwarteten
Leckerbissen" ein Potpourri aus Jürgen von der Lippes So isses.
Grund für die plötzliche Programmzensur: ein Plakatmotiv der deutschen
Aids-Hilfe auf dem T-Shirt von Schmidt-Show-Moderator Corny Littmann. Das von
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung finanzierte Safer-
Sex-Plakat zeigt zwei Männer beim Oralverkehr. Text: "Blasen OK - raus,
bevor's kommt". Für den WDR ein klarer Fall von Pornographie und
Jugendgefährdung. Schmidt-Chef Littmann sieht das anders. "Ein unglaublicher
Fall von Zensur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Außerdem erkennt man den
Schwanz doch gar nicht, der ist doch im Mund."
Der orale (Lecker-)Bissen auf dem Safer-Sex-Plakat sorgte beim WDR schon im
April und Mai für Schluckbeschwerden. Bereits damals wurde das Plakat aus dem
Programm der Schmidt-Show beanstandet. Alle anderen ARD-Sender (HR, SWF, SDR,
SR), die die Hamburger NDR-Produktion ebenfalls in ihre dritten Programme
übernehmen, haben bislang nicht gekürzt.
Anfänglich habe der WDR die Programmzensur damit begründet, nicht in ein
laufendes Gerichtsverfahren eingreifen zu wollen. Hintergrund: Im Februar
hatte das Bielefelder Landgericht das Aufklärungsposter, von dem selbst in
Bayern bereits seit zwei Jahren 10.000 Exemplare kursieren, im
Schwulenreferat der Bielefelder Uni beschlagnahmt. Seitdem läuft ein Prozeß
wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Schließlich habe der WDR diese
unhaltbare Begründung aufgegeben und argumentiere inzwischen mit Paragraph
sechs, Absatz zwei, des WDR-Gesetzes, erklärt Littmann. Darin geht es um das
"körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen".
"Ich finde es pornographisch, daß immer mehr Jugendliche mit Aids in den
Krankenhäusern liegen", so Littmann zum Stichwort "körperliches Wohl".
Aufgrund der wechselnden Begründungen hege er den Verdacht, daß dem
normalerweise gar nicht so prüden WDR in diesem Fall "jedes Mittel recht"
sei, um das Plakat zu boykottieren. Als Drahtzieher sieht er den neuen
Unterhaltungschef des WDR, Axel Beier. Littmann: "Der will bloß nicht in den
Verdacht kommen, die Schwulen zu protegieren..." Marc Fest