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T901210.216 TAZ-BERLIN Nr. 3282 Seite 28 vom 10.12.1990
81 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
SchülerInnen im Weltall
SchülerInnen im Weltall
Live from Berlin: So schrecklich war die DDR/ Berliner Jugendliche
berichten in Telekonferenz über Fernsehsatellit in die USA
Spandau. »Merry Christmas from the wall« stand auf der Mauerkulisse
aus Styropor. Im Atelier 2 der Havelstudios, wo sonst das
Glücksrad rotiert, war es am Freitag abend vor allem »great« und
»very special«. Über den sowjetischen Fernsehsatelliten Intersputnik
unterhielten sich 17 Ost- und Westberliner SchülerInnen im Alter zwischen 16
und 18 Jahren für eine Stunde live mit 25 Altersgenossen aus dem
US-Bundesstaat Virginia. Berlin - gestern, heute, morgen war das
Thema dieser Telekonferenz, die zeitgleich in den gesamten Vereinigten
Staaten, Teilen Kanadas und der Karibik an über 25.000 Schulen empfangen
werden konnte. Realisiert wurde die »elektronische Klassenreise« in
Zusammenarbeit mit dem RIAS TV und dem amerikanischen Kabelsender CNN.
»Lebendige Zeitgeschichte« sollten die amerikanischen Schüler zu Gesicht
bekommen. Dazu lief zunächst ein leicht deprimierter »Honorable Major« Walter
Momper vom Band und bedankte sich artig für den alliierten Beistand in den
letzten 40 Jahren. Obwohl dann bloß zwei technisch bedingte Schrecksekunden
die Jugendlichen voneinander trennte, verlief das »Gespräch« langweilig und
leblos. Mühevoll auf Deutsch und sekundengenau gemäß Sendeablauf verlasen die
amerikanischen High-School-Kids ihre vorgefertigten Fragen: Wie das mit der
Flucht gewesen sei; welche Gefühle hatte man, als die Mauer fiel?
Darauf durften zunächst die ebenfalls eingeladenen »Zeitzeugen« antworten:
Ein Rechtsanwalt schilderte seine Flucht im Kofferraum eines Autos, sein Sohn
erinnerte sich an »das Lichtermeer« bei der Ankunft in West-Berlin; eine Frau
zeigte ein Foto ihrer beiden Kinder, die DDR- Beamte ihr bei einer Verhaftung
aus den Armen gerissen hätten, und ein ehemaliger Dissident erzählte, wie die
Stasi ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus verschleppt habe. Dort habe man
ihn »wenigstens vom Marxismus geheilt«.
Nach einer Einblendung gesamtdeutscher Jubelszenen erteilte Moderator Rüdiger
Lintz, Chefredakteur beim RIAS TV, nach 30 Minuten endlich auch den Berliner
Jugendlichen das Wort. »It wasn't nice«, antwortete ein Schüler der
deutsch-amerikanischen John- F.-Kennedy-Schule auf die Frage nach der
Situation vor dem Mauerfall. Nur ein Oberschüler aus Hohenschönhausen trat
ins Fettnäpfchen: »Ein bißchen kitschmäßig« stelle er sich die USA vor.
Darauf Moderator Lintz: »You see, we have democracy now.«
Deutschland, Deutschland über alles intonierte ein amerikanischer
Chor zum Schluß. Das fand ein Hohenschönhausener »zum Abkotzen«,
»Oh Tannenbaum wäre wirklich genug gewesen.« Marc Fest
Ein Zusammenschnitt der Telekonferenz läuft am Sonntag, 16. Dezember
zwischen 8 und 11 Uhr vormittags im RIAS TV.