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T930911.128 TAZ Nr. 4109 Seite 31 vom 11.09.1993
197 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
In intimer Nähe...
In intimer Nähe...
Ein Treffen mit CNN-Präsident Tom Johnson im globalen Dorf
Atlanta (taz) - Alle wollen CNN: Englands Außenminister Douglas Hurd
in seinem Fünf- Sterne-Hotelzimmer, Somalias erklärter Bösewicht Muhammad
Farah Aidid in seinem geheimen Versteck und Amerikas Bill Clinton in seiner
präsidentiellen Badewanne. Nur drei prominente Beispiele von vielen, die ihre
"CNN-Sucht" öffentlich bekundet haben. Und auch ihre Abhängigkeit: Als US-
Präsident Bill Clinton im Juni Saddam Husseins Nachrichtenzentrale in Bagdad
bombardierte, verließ er sich nicht auf seine Satellitenaufklärung, sondern
erkundigte sich bei CNN-Präsident Tom Johnson, ob die Bomben auch getroffen
hätten. Erst dann verkündete Clinton seinen "Erfolg".
Unzählige CNN-Legenden sind nach diesem Muster gestrickt. Fast immer erzählen
sie von der intimen Nähe zwischen den Mächtigen und den Machern des ersten
planetaren Nachrichtensenders. Beispielsweise die "Füller-Anekdote":
Ausgerechnet als Michail Gorbatschow mit seiner Unterschrift das Ende der
Sowjetunion besiegeln wollte, ging ihm die Tinte aus. CNN-Chef Tom Johnson
stand hinter ihm und reichte seinen Federhalter - leihweise.
Den historischen Füller sucht man in Tom Johnsons bescheidenem 40
Quadratmeter großen Büro in der CNN-Zentrale in Atlanta vergeblich. Auf einem
Sockel installiert, sticht statt dessen das geborstene Panzerglas eines
Kamerawagens aus Sarajewo ins Auge - gleich neben dem Kriegssouvenir lächeln,
hinter intaktem Glas, Tom Johnsons Sohn und Tochter. Flankiert von einer
musealen Schreibmaschine zur Linken und einem Computer zur Rechten, schwärmt
der 52jährige ehemalige Herausgeber der Los Angeles Times, wie der
1980 von Ted Turner gegründete TV-Sender die internationale Politik verändert
habe: "CNN ersetzt, besonders in Krisensituationen, oftmals die
traditionellen Kanäle der Diplomatie. Politische Entwicklungen werden dadurch
beschleunigt. Darin liegt eine Gefahr. Andererseits werden Fernsehzuschauer
wie Sie und ich wieder stärker Teil des politischen Prozesses, Teil einer
neuen Realität."
Per Knopfdruck und über reservierte Satellitenleitungen plauscht Johnson mit
den Großen der Welt. In der elektronischen Welt des "Globalen Dorfs" geben
sich die Angehörigen der Kommunikationselite die Klinke in die Hand. Daß CNN
dabei von den Politikern auch zu Propagandazwecken benutzt wird, versucht
Johnson zu relativieren: "Wir zeigen immer auch die andere Seite." Für ihn
gilt: lieber Life-Bilder, und sei es "cleared by Iraqui Censors", als gar
keine Berichterstattung. "Es ist allemal besser, wenn Bush und Saddam über
CNN miteinander sprechen, als wenn sie sich gegenseitig bombardieren",
argumentiert er, so als hätte "Desert Storm" dank CNN nie stattgefunden.
Diese Verdrängung ist kein Wunder: Selbst wenn in der "wirklichen Welt"
Raketen explodieren, tritt der "echte Krieg" im globalen CNN-Dorf in den
Hintergrund. Der tödliche Konflikt mutiert zum High-Tech-Abenteuer, zum
Nintendo-Spiel der "world leaders". Als während des Interviews das Telefon
klingelt, verrät Johnsons Gesicht sekundenlang eine Spur jener Faszination,
die das (Satelliten-) Zeitalter der Information mit sich bringt: "That's
Reverend Jesse Jackson", verkündet er mit kindlichem Stolz und erlaubt sich
zehn Minuten planetaren Tratsches.
Doch die globale Dorfidylle ist nicht ungetrübt: CNN erreicht 97 Prozent der
amerikanischen Fernsehhaushalte - auf dem US- Markt hat der Sender die
Sättigungsgrenze erreicht. Im Ausland muß CNN I, die 1985 gestartete
internationale Ausgabe von CNN, vor allem mit dem "World Service Television"
der BBC konkurrieren. CNN erreicht 69 Millionen Fernsehhaushalte in 142
Ländern. Ungefähr 16 Prozent aller existierenden Fernsehgeräte (weltweit etwa
eine Milliarde) können CNN empfangen. Ausgerechnet im asiatischen Raum, wo
zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, hat die British Broadcasting
Corporation mit elf Millionen erreichbaren Haushalten (CNN: sechs Millionen)
die Antenne vorn. Um der Konkurrenz zu begegnen, eröffnete CNN unlängst neue
Korrespondentenbüros in Bangkok und Neu-Delhi. Tom Johnson plant, demnächst
eine asiatische CNN I- Produktionszentrale aufzubauen.
Medienkritiker bezichtigen CNN I, einseitig amerikanische Nachrichten zu
verbreiten. In der Tat liegt der Anteil an "US-News" bei CNN I bei 70 Prozent
- eine Quote, die Tom Johnson bis zum Jahresende auf 30 Prozent senken will.
Um vom Image des "Kulturimperialisten" wegzukommen und wirklich
"international" zu werden, sind die Mitarbeiter von CNN I angehalten, in
ihren Beiträgen auf die in den US-Medien üblichen Baseball-Metaphern zu
verzichten. Außerdem sollen sie nicht vom "Präsidenten Clinton", sondern vom
"US-Präsidenten Clinton" sprechen und dem irakischen Verteidigungsministerium
im Zweifelsfall ebensoviel Platz einräumen wie dem Pentagon.
Neben CNN I setzt Johnson auch auf Beteiligungen an ausländischen
Nachrichtensendern. Das Pilotprojekt, die 27,5-Prozent-Beteiligung an dem
deutschen Nachrichtenkanal n-tv, ist bei einem Marktanteil von 0,4 Prozent
bisher nicht gerade erfolgreich. "n-tv verliert mehr Geld als CNN in seiner
Anlaufphase", klagte jüngst CNN- Gründer Ted Turner. Prompt wurde aus Atlanta
ein fünfköpfiges Beratungsteam nach Berlin entsandt. "Wir geben nur
allgemeine Unterstützung", beschreibt Tom Johnson die Zusammenarbeit vage.
Anfangs hätten sich die Deutschen ein wenig reserviert gezeigt, inzwischen
sei die Kooperation "great". Trotz der schlechten n-tv-Quoten, sei ein
Rückzug von CNN nicht zu befürchten: "Wir denken langfristig."
Immerhin brauchte auch der amerikanische Nachrichtensender fünf Jahre, um den
roten Zahlen zu entkommen. Inzwischen ist CNN hochprofitabel und
erwirtschaftete 1992 einen Gewinn von 155 Millionen Dollar - trotz relativ
geringer Einschaltquoten um 0,7 Prozent. Seinen kommerziellen Erfolg und sein
Image verdankt CNN weltbewegenden Schreckensereignissen wie dem
Tiananmen-Massaker, dem Golfkrieg oder dem Putsch in der Sowjetunion. Die
CNN-Macher wünschten sich solche Katastrophen und Kriege zwar nicht unbedingt
herbei, "aber erst dann zeigen wir, was wirklich in uns steckt", gesteht Tom
Johnson mit einem verlegenen Lächeln. Allerdings: "Auf den Dritten Weltkrieg
hoffen wir nicht." Marc Fest