Copyright © contrapress media GmbH
T910412.178 TAZ-BERLIN Nr. 3379 Seite 36 vom 12.04.1991
89 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
FAB ist auf dem Sprung ins Sendefenster
FAB ist auf dem Sprung ins Sendefenster
Kabelrat entscheidet heute über Zukunft des »Fernsehens aus Berlin«/
Schwules Programm ist zu imageprägend
Schöneberg. Herzklopfen beim FAB-Kanal: Heute oder morgen
entscheidet der Kabelrat, ob die BerlinerInnen das neue »Fernsehen aus
Berlin« demnächst auch über Antenne empfangen können - wochentags von 18 bis
18.45 Uhr durch ein Sendefenster auf Kanal 56 bei RTL Plus. Für die
FABlerInnen, die seit Anfang Februar »gegen die Verflachung des Fernsehens«
angetreten sind, eine Schicksalsentscheidung; denn die Expansion in den Äther
könnte den mageren Bestand von 14 Werbekunden aufbessern - ein Muß, wenn der
neue Sender finanziell überleben will.
Die erfolgreichste Sendung von FAB ist zugleich das Problemkind: das
Erste Deutsche schwule Fernsehen kommt nicht nur bei den Schwulen
gut an. Das witzig und professionell gemachte Magazin unterhält inzwischen
auch ein wachsendes Publikum von »ganz normalen« ZuschauerInnen. »Wir stehen
zum schwulen Fernsehen«, meint FAB- Pressesprecher Heiko Hanschke. »Es gibt
nur ein Problem: Es ist zu imageprägend.« FAB sei für viele BerlinerInnen
inzwischen »der schwule Sender«. »Wir versuchen, mit unseren anderen
Produktionen konstruktiv dagegenzuhalten«, so Hanschke. Das gelingt nicht
immer: DIe farblosen und redaktionell oft mangelhaften Nachrichtensendungen
erscheinen noch immer wie erste Gehversuche ambitionierter
Möchtegern-ModeratorInnen. Belanglose Interview-Clips (z.B. mit der
Schauspielerin Edith Hancke) und langatmige und schlecht moderierte Talk-
Shows rücken FAB oft in gefährliche Nähe zum Offenen Kanal.
Doch es gibt auch Glanzlichter. City Beat wirft ein farbiges Licht
auf Berlins Musikszene, Abgedreht liefert interessante Einblicke
in Berliner Off-Kinos, und das Downtown- Theatermagazin
präsentiert Insider- Perspektiven aus der lokalen Theaterwelt.
Zur Beurteilung ging das FAB- Programm bereits per Kassette nach Karlsruhe -
an Professor Ernst Benda, ehemals Präsident des Bundesverfassungsgerichts und
inzwischen Vorsitzender des Berliner Kabelrats. Die honorige Fünferrunde wird
an diesem Wochenende hinter geschlossenen Türen entscheiden, wer im
RTL-Fenster senden darf. Neben FAB sind im Rennen: Ulrich Schamoni (Radio
100,6), die Münchener Produktionsfirma »MAZ- Studio«, der
nordrhein-westfälische »Kanal 4« und die Berliner »ARTV- GmbH« mit
Radio-100-Geschäftsführer Thomas Thimme.
Gefordert sind Vielfalt und ein anspruchsvolles Regionalprogramm. »Da hat
sich bisher keiner besonders hervorgetan«, verrät Ingeborg Ludwig,
Rechtsreferentin beim Kabelrat. Möglich sei deshalb eine
»Kuddelmuddel-Entscheidung«: Alle Bewerber dürften dann abwechselnd ihre
Programme präsentieren. Erst im März 1992 würde über eine endgültige Regelung
entschieden.
Noch läuft bei RTL Plus wochentags um 18 Uhr eine amerikanische Action-Serie.
Dafür müsse das zukünftige Regionalprogramm auf alle Fälle ein
konkurrenzfähiger Ersatz sein, meint Ingeborg Ludwig. Demnach Gegner Nummer
eins für FAB: der Sechs-Millionen-Dollar-Mann. Marc Fest