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T910213.219 TAZ-OST Nr. 3331 Seite 22 vom 13.02.1991
80 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Homosexuelle liquidieren«
»Homosexuelle liquidieren«
Liebe zwischen Männern ist in der Sowjetunion noch immer ein
Verbrechen, das mit bis zu fünf Jahren Zuchthaus bestraft wird/
Berliner Schwulengruppen wollen mit Broschüren und Unterschriften
helfen
Charlottenburg. Schwule sollte man am besten »liquidieren«, findet
in der UdSSR jeder Dritte. Dieses Ergebnis einer angeblich repräsentativen
Meinungsumfrage vermeldete unlängst das sowjetische Fernsehen. Die
»Internierung« von Männern, die Männer lieben, fordern demnach weitere 30
Prozent der sowjetischen Bevölkerung. Sex zwischen erwachsenen Männern gilt
in dem Land von Glasnost und Perestroika noch immer als Verbrechen: Bis zu
fünf Jahre Zuchthaus drohen gemäß Paragraph 121 des sowjetischen
Strafgesetzbuches. Zum Vergleich: Für Mörder gibt es drei bis neun, für
Vergewaltiger drei bis fünf Jahre Knast.
Olga Chuk ist lesbisch. Nächtliche Drohanrufe - wahrscheinlich vom KGB -
rauben der Präsidentin der »Kulturinitiative Tschaikowsky« seit August
letzten Jahres den Schlaf: Damals gründete sie in Leningrad zusammen mit 10
Lesben und 40 Schwulen eine Vereinigung »zum Schutze sexueller Minderheiten«.
Wichtigstes Ziel der Initiative: die erneute Streichung des Schwulen-
Paragraphen 121. Lenin hatte ihn nach der Oktoberrevolution 1917 schon einmal
abgeschafft, Stalin 1933 wieder eingeführt.
»Schwule werden terrorisiert, Lesben bemitleidet«, beschreibt Olga Chuk die
Situation von homosexuellen Männern und Frauen während ihres Besuchs bei der
Deutschen Aids-Hilfe (DAH). Eine schwule oder lesbische Szene gebe es in der
UdSSR kaum. Wer sich, wie einige Abgeordnete des Leningrader Stadtparlaments,
für die Probleme von Homosexuellen engagiert, müsse mit Repressalien oder mit
Denunziation rechnen. Zwei »Zeugen« genügten, um nach Paragraph 121
(Tatbestand: Analverkehr) »überführt« zu werden. Tausende von Schwulen, so
Chuk, seien gegenwärtig unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert. Die
»Kulturinitiative Tschaikowsky« fordert ihre Freilassung und Rehabilitierung.
Zur Unterstützung startet die DAH demnächst in Deutschland eine
Unterschriftenaktion.
Zusammen mit dem Berliner »Bruno-Gmünder-Verlag« plant die Leningrader
Initiative den Druck von Safer-Sex-Broschüren - Präventionsmaßnahmen, die den
größten Teil der sowjetischen Öffentlichkeit immer noch schockieren.
Offiziell gibt es in der Viermillionenstadt Leningrad nur 50 Aids-Kranke und
HIV-Positive. In der Öffentlichkeit gelten sie als kriminell. Auf
Isolierstationen hermetisch abgeschlossen, werden sie nur von Immunologen
behandelt. Andere Mediziner, wie Chirurgen oder Zahnärzte, verweigerten in
der Regel die Behandlung, erzählt Olga Chuk. Auch hier versuche die
Kulturinitiative zu helfen. Doch die Behörden verweigern die offizielle
Registrierung der Vereinigung. Grund: Die Aktivitäten des Vereins seien
unvereinbar mit dem Paragraphen 121. Marc Fest