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T901015.185 TAZ-BERLIN Nr. 3235 Seite 28 vom 15.10.1990
80 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Schwuler Sessel mit Ost-West-Gefälle
Schwuler Sessel mit Ost-West-Gefälle
Lahmer schwuler Ost-West-Ratschlag Dauerbrennerstreit um
Sexualstrafrecht und Homoehe
Mitte. Von der »Stricklies'l bis zum Stricknadelfolterer« sollten
sie alle massenhaft kommen, und vor allem auch möglichst viele »einfache und
interessierte« Schwule. So stand es in der Einladung zum ersten
Gesamtberliner »Schwulenpolitischen Ratschlag« am Samstag im Haus der Jungen
Talente. Doch »die ganz Normalen«, wie einer der Initiatoren enttäuscht
meinte, kamen erst gar nicht. So philosophierte nur ein intimer Kreis von 18
westlichen und 7 östlichen »Bewegungsfunktionären« - zuzüglich einer
ungeladenen, aber dafür selbstbewußten »Ost-Lesbe« - unter anderem über die
verhängnisvolle »Perpetuation von Schlammschlachten« und die Risiken eines
»erfahrungsimmunisierten armchair-approach«.
Ursprünglich hatten die Initiatoren aus der Westberliner AL und dem
Ostberliner Bündnis 90/Grüne fünf Diskussionsgruppen geplant: zu den
Perspektiven der Berliner Schwulenbewegung, der Errichtung eines Schwulen-
und Lesbenhauses, Aids, Gewalt gegen Schwule und zur Einführung einer
universitären Homoforschung in Berlin. Erwärmen konnten sich die
streitfreudigen Bewegungsfunktionäre jedoch bloß für die Erörterung ihrer
eigenen Bewegungen. Die stark west- und theoriedominierte Diskussion drehte
sich schließlich um den ominösen »Minimalkonsens«: Wollen wir nur die
Streichung des 175ers oder lieber gleich eine Reform des gesamten
Sexualstrafrechts? Offenbart sich in dem Ruf nach einer Homoehe die
Verspießerung oder darf »das Subversive der Homosexualität« nicht
hochstilisiert werden? Was ist von der Heterosexualisierung der Homos
beziehungsweise der Homosexualisierung der Heteros zu halten? Gibt es gar
eine »Fetischisierung der Unterdrückung« und ohne den 175er in der Bewegung
nur noch schlaffe Segel ohne Wind? Führt die Gleichberechtigung ins
Kleinbürgertum?
Die bewegten Männer waren des Redens müde. Eine »implodierte« Gesprächsrunde,
wie ein anwesender Soziologe bitter bemerkte. Daß Albert Eckert, einer der
AL-Organisatoren des Schwulenpolitischen Ratschlags, nicht erschienen war,
sei wohl ebenfalls ein Zeichen dafür, daß die »echte Politik« woanders
gemacht werde. Grund für die Abwesenheit des Ex-Parlamentsvize: Eine Sitzung,
auf der die AL-Mitglieder ihre schwulen Vertreter für die kommende
Berlin-Wahl nominierten.
Wenn auch nicht den Minimalkonsens, so hat der Ratschlag doch zumindest eine
Erkenntnis gebracht: Ost-Schwule hören (noch) mehr zu, argumentieren
pragmatischer und weisen in den Augen ihrer West-Kollegen ein gewisses
Theoriedefizit auf. Dem West-Schwulen dagegen scheint es häufig um das
Diskutieren an sich zu gehen. Nicht Meinungen werden ausgetauscht, sondern
Statements parlamentarisch perfekt verlautbart. Marc Fest