Copyright © contrapress media GmbH T901215.228 TAZ-BERLIN Nr. 3287 Seite 30 vom 15.12.1990 57 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest

Bezirksamt Kreuzberg kurzfristig besetzt Bezirksamt Kreuzberg kurzfristig besetzt

Exbesetzer der Lübbener Straße fordern Wohnraum/ »Ihr seid die letzten in der Warteschlange«

Kreuzberg. Erneut fürchtete ein Berliner Bürgermeister - nach der Besetzung von Schwierzinas Büro im Magistrat vor einigen Wochen - um Ruhe und Ordnung in seinen Amtsräumen: Etwa siebzig ehemalige Bewohner des am Dienstag von der Polizei geräumten Hauses in der Lübbener Straße 29 besetzten gestern morgen um 10 Uhr den Sitzungssaal des Bezirksamts Kreuzberg. Um ihrer Forderung nach ausreichendem Wohnraum Nachdruck zu verleihen, überreichten sie der Baustadträtin Erika Romberg (AL) eine Liste mit Adressen von zwanzig leerstehenden Kreuzberger Wohnhäusern.

Während Bezirksbürgermeister Günter König (SPD) bereits die Stammeinsatzbereitschaft der Polizei anforderte und die Personalienfeststellung der Besetzer plante, diskutierten Baustadträtin Romberg und Sozialstadträtin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) hinter geschlossenen Türen zusammen mit einer Abordnung der Besetzer die überreichte Leerstandsliste. Schon um 12.08 Uhr bliesen die Besetzer dann zum Rückzug. Als Gegenleistung gab es die bei der Räumung vom Dienstag beschlagnahmte persönliche Habe zurück. Die Forderung der Besetzer nach gemeinsamem Wohnraum blieb unerfüllt.

»Die Hälfte von denen sind doch arme Schweine, denen ich wirklich helfen will«, befand Bürgermeister König, sichtlich erleichtert über den glimpflichen Ausgang. Noch bis Montag mittag können die 65 Exbesetzer in der Emmaus-Kirchengemeinde wohnen. »Es existiert leider kein einziges leerstehendes Wohnhaus für 60 Menschen in Kreuzberg«, erklärte Sozialstadträtin Junge-Reyer. Für die jüngst geräumten Häuser gebe es bereits lange Wartelisten mit sanierungsbetroffenen Mietern. »Und ihr seid die letzten in der Warteschlange.« »Ich besorge jedem amtlich gemeldeten Kreuzberger ein Dach über dem Kopf«, versprach die Sozialstadträtin. Und auf eine entsprechende Frage meinte sie: »Erfrieren dürfte eigentlich keiner.« Marc Fest

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Frauen nur als begleitende Engel Frauen nur als begleitende Engel

West-östliche Weihnachtsmänner-Vollversammlung an der FU/ Die böse Rute ist out

Dahlem. »Ich muß leider draußen bleiben«, protestierte die Weihnachtsfrau auf einem Transparent. Dann sang sie zu Blockflöte und Rassel Ihr Kinderlein kommet. Die über 500 Weihnachtsmänner applaudierten wohlwollend, beschäftigten sich dann aber wieder mit sich selbst. Existentielle Frage unter Punkt fünf der Tagesordnung auf der Weihnachtsmänner-Vollversammlung (WM-VV) in der Mensa der Asbestlaube am Donnerstag abend: Was ist ein Weihnachtsmann?

Wie in jedem Jahr konnte nur »mann« sich auf der WM-VV vom Donnerstag bei der studentischen Arbeitsvermittlung »Heinzelmännchen« als Weihnachtsmann verdingen. 5.500 Familien wollen diesmal Besuch vom Leibhaftigen mit der roten Kutte, davon 700 allein im Ostteil der Stadt. Für jeden WM macht das im Durchschnitt 14 Termine, die es am 24. Dezember innerhalb weniger Stunden abzuklappern gilt. Bei einem Mindestlohn von 36 Mark zuzüglich Trinkgeld für 10 bis 20 Minuten pro Einsatzort macht sich die Startinvestition von 75 Mark für Kutte und Bart schnell bezahlt.

Damit die WM-Tour nicht zur Tortur gerät, müssen die Weihnachtsmänner generalstabsmäßig vorgehen: Minutengenaue Tourenplanung, aber auch die Vorbereitung auf respektlos-skeptische Fragen der lieben Kleinen (»Warum bist du mit einem weißen Opel gekommen?«) gehören zum Geheimnis des Erfolgs. Außerdem harte Auflagen: Turnschuhe und Jeans sind tabu, gewaschene Hände und Geruchsneutralität sind angesagt.

Schwacher Trost für alle Weihnachtsfrauen: Beim Konkurrenzunternehmen TUSMA gibt es auch für sie einen Platz - als Begleitengel für den Weihnachtsmann. Marc Fest