Copyright © contrapress media GmbH
T920316.182 TAZ-BERLIN Nr. 3657 Seite 28 vom 16.03.1992
155 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Sticken statt ficken ist doch Scheiße!«
»Sticken statt ficken ist doch Scheiße!«
Helga Goetze, »primäre Tabubrecherin« vom Breitscheidplatz, wird 70/
Mit einem Latin Lover kam die biographische Wende/ Bauklötze in der
Psychiatrie/ Jetzt ist sie längst entdeckt
»Ficken macht friedlich - huiiiihhh!« Der blasphemische Sirenenton erwischt
die Frau im Pelz eiskalt von der Seite. Die vornehme Dame grinst verwirrt und
flüchtet auf den Ku'damm. »Frauen sind zugestopfte Löcher!« Das geht an die
Schülergruppe: Die pubertierenden Mädchen beginnen unsicher zu kichern,
stoppen vor dem Stepper nebenan und schielen klammheimlich zurück. »Der Krieg
ist der Vater aller Dinge - Scheiß-Väter!« Ein Schnauzbart blickt schockiert
zur Seite, stolpert und hastet weiter.
An Helga Goetze kommt so leicht niemand vorbei. Buchstäblich. Denn ihr Revier
ist das Nadelöhr vor der Gedächtniskirche. Wenn sich hier die meisten
Menschen drängeln, zwischen zwei und vier am Nachmittag, bezieht Helga Goetze
ihre Stellung. Drapiert im bunten Stricktalar, schimpft die seit letzten
Donnerstag 70 Jahre alte Frau lauthals drauflos: »Je dümmer die Tussis, desto
besser für den Staat!«
Seit 1983 macht sie das. Allerdings nicht ohne Schwierigkeiten: Mehrmals kam
die Polizei. Jedesmal ging's dann in der Wanne ab zur Wache Bismarckstraße.
Dort pöbelten die Polizisten. Und in einer Zelle mußte Helga Goetze sich
nackt ausziehen. »Wenn ich geschrien hätte, wäre ich in der Psychiatrie
gelandet!« Dahin kam sie dann auch so. Anlaß: 350 Mark Bußgeld für ihr Credo
»Ficken macht friedlich«. Das sei »sittenwidrig«, fand die Polizei. »»Licence
to kill« ist für euch wohl harmlos«, protestierte Helga und blieb die Strafe
schuldig - ein klarer Fall für die Bonhoeffer-Nervenklinik. Dorthin wurde sie
- unter Androhung von Zwang - zum Psychotest zitiert. Beim Chefarzt
höchstpersönlich. »Vor dem sollte ich dann mit bunten Bauklötzen hantieren.
Da hab' ich mich natürlich geweigert«, erzählt sie. Statt dessen gab sie dem
Doktor aus ihrem Buch Hausfrau der Nation oder Deutschlands
Supersau zu lesen.
Wie der Psychotest ausfiel, ist geheim. Allerdings: Auf Bußgelder verzichtet
die Staatsgewalt seitdem. Und ein polizeiliches Gutachten bescheinigt sogar:
»Helga Goetze ist ein beruhigendes Element am Breitscheidplatz.« Da weist der
Kontaktbereichsbeamte inzwischen auch schon mal frotzelnde Sextaner zurecht:
»Laßt euch von der Helga ruhig einmal aufklären!« Experten liegen ohnehin auf
ihrer Linie. Ein Medizinaldirektor bezeichnete sie einmal als »primäre
Tabubrecherin«. Und eine Sozialwissenschaftlerin erkannte: Helga Goetze
bekämpft das »Vakuum nach der Menopause«.
Doch die Wurzeln liegen lange vor den Wechseljahren: Damals, als Helga,
dreijährig, am Genital ihres Bruders spielte. »Da schrie mein Vater: »Man
zieht das nicht und faßt das auch nicht an!«« Schlechte Karten also für die
Ehe mit dem Prokuristen Curt, zwölf Jahre älter und angestellt bei der
Deutschen Bank. Ihn heiratet Helga, als sie zwanzig ist: »In dreißig
Ehejahren habe ich den Schwanz meines Mannes weder gesehen noch berührt. Und
auf die Lippen hat er mich nie geküßt.«
Die Bilanz von soviel Sinnlichkeit: immerhin sieben Kinder. »Die hab' ich für
die Gesellschaft kaputtgemacht - eine reife Leistung.« Zur Silbernen
Hochzeit, 1967, hat Helga schon lange mit sich abgeschlossen. »So 'ne Alte
faßt doch keiner mehr an«, dachte sie, damals 46. Bis Giovanni kam. Das war
in Palermo, wo Helga und Curt anläßlich der Silberhochzeit weilten. »Deine
Augen sind so schön wie die Sterne«, flüsterte Giovanni seiner Helga damals
in ihr rechtes, einseitiges Segelohr. Der verständnisvolle Curt gewährte
seiner Frau darauf eine Liebesnacht mit dem Latin Lover.
Aus der Nacht wurde ein Jahr: »Da sind die Kleider geflogen, ohne die
neurotischen Vorspiele.« Als Giovanni reumütig zu Kind und Frau zurückkehrte,
setzt Helga Goetze ihre Entdeckungsreise fort: Per Kontaktanzeige sucht und
findet sie die Männer. Zwei Jahre lang. Und alles auf Anraten des väterlichen
Gatten. Dabei fühlt sie, wie sie »als Frau immer mehr zum Glänzen kommt«.
Schließlich trennt sie sich von ihrem Ehemann, landet in einer Schwulen-WG
und praktiziert während der APO-Zeit freie Liebe in einer österreichischen
Hippiekommune. 1973 tritt sie in einer Talkshow auf. Thema: »Hausfrau sucht
Kontakte« - ein Skandal. Die Deutsche Bank gibt sich empört und schickt Curt
vorzeitig in den Ruhestand.
Seitdem malt, dichtet und stickt Helga Goetze wahre Kunstwerke gegen die
sexuelle und seelische Verkrüppelung der Frau. »Wie ein Affe im Käfig« fühlt
sie sich dabei manchmal. Denn längst ist sie entdeckt - so von Rosa von
Praunheim, der sie in seinem Film Rote Liebe präsentierte. Oder
von der Schar liebenswerter Neurotiker, die sich sonntags bei ihr zur
therapeutischen »Märchenstunde« treffen. Und natürlich von den Journalisten:
Selbst die 'Zeit` widmete ihr schon eine Spalte - in der Rubrik »Das Letzte«.
»Wer was von mir will, müßte eigentlich mit mir ficken«, wünscht sich Helga
Goetze, trotz all des Rummels resigniert: denn allzu oft bekommt sie einen
Korb. »Natürlich bin ich auch noch sexuell verkrüppelt. Aber ich schreie
wenigstens. Die anderen haben Migräne, Depressionen oder Magenschmerzen. Die
saufen und sehen fern.« Auf ihrem abendlichen Spaziergang um den Savignyplatz
fühlt sie sich oft einsam: »Da sitz' ich nun und mache all das für mich
allein. Ist ja eigentlich blöd. Helfende Hände, darauf warte ich. Sticken
statt ficken ist doch Scheiße.« Marc Fest