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T940618.121 TAZ Nr. 4342 Seite 24-25 vom 18.06.1994
232 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Schöne, kecke Männerbrüste
Schöne, kecke Männerbrüste
In Miami Beach sind die Homos so begehrenswert wie die Heteros immer
sein wollten Von Marc Fest
Aufregend! In Miami Beach im US-Bundesstaat Florida gibt es für Schwule viel
zu sehen und noch mehr zu tratschen. Zum Beispiel über die hiesige Villa des
italienischen Modeschöpfers Gianni Versace: von opulenten Festen,
ausschweifenden Vergnügungen, hemmungslosen Orgien ... Und wie auf einem
Laufsteg flanieren die schwulen Debütanten tagsüber mit entblößten und
durchtrainierten Oberkörpern an dem geheimnisumwobenen Bauwerk vorbei - der
Meister könnte ja im Hause sein. Und gerade aus dem Fenster gucken. Und,
höchste aller Weihen, sie "entdecken."
Inmitten der pastellfarbenen Art-deco-Gebäude wirkt der Mini- Medicipalast
des Modepapstes indes unpassend wie Roman Herzog auf dem Tuntenball. Ein
kolossaler Stilbruch direkt am Ocean Drive, der eitlen Hauptpromenade von
Miami Beach. Und beäugt wie der heilige Homo-Gral. Daß allerdings selbst
Eingeborene in dem Vorgarten ab und zu lediglich einen buckligen Gärtner
sichten, der mit Akribie die Triebe auf den Hecken stutzt, tut den Gerüchten
keinen Abbruch.
Paradox: Noch vor zehn Jahren war Miami Beach das heruntergekommene
Altersheim der USA: verwahrloste Heimstatt für mittellose Pensionäre,
kriminelle Crack- Junkies und Dealer. Bis die Investoren kamen. Mit den Homos
als Trendsettern im Schlepptau.
In den zehn Jahren von 1980 bis 1990 schoß der Altersdurchschnitt der 95.000
Einwohner von 67 auf fast jugendliche 44,5 Jahre nach unten. Wo die Alten und
die Outlaws geblieben sind, danach fragt niemand. Besonders der untere Zipfel
der Insel, sprich South Beach, mutierte im Zuge dieser radikalen
Verjüngungskur vom Slum zu einer Realkulisse für die Welt des schönen
Scheins; und die Schwulen spielen in diesem Beauty-Kosmos mit Hingabe die
Statisten - und das perfekt.
Wer sich hineinwagt in diese schöne schwule Welt, dem stechen zunächst die
Brustwarzen ins Auge: allenthalben strecken sie sich dem Betrachter entgegen,
keck hochgereckt auf sagenhaft gewölbten Männerbrüsten, von Kennern auch
"pecs" genannt: Miniaturmonumente auf lauter kleinen Feldherrenhügeln.
Schönheit oder das, was Mode, Film und Werbung als solche definieren, ist
südlich der Zwanzigsten Straße von Miami Beach die Norm. Und ausgerechnet die
Schwulen von South Beach verkörpern diese Norm so perfekt, wie die
meisten Heteros es mangels Ehrgeiz niemals könnten - denn wer schuftet schon
freiwillig drei Stunden täglich im Fitneßstudio? Oder hat die Zeit dafür?
Oder die notwendige Profilneurose?
Die heterosexuellen "Stinknormalen" kommen regelmäßig mit Bussen aus den
nördlich gelegenen Touristenhotels wie dem "Fontaine Bleue" - und begaffen
durch die Fenster fassungslos jene Menschen, die so schön und jung und
kräftig sind, wie sie selbst es gerne wären.
Angesichts von so viel Schönheit stellt sich die Frage nach dem Kriterium der
Differenz: Was entscheidet über den Erfolg beim Balzen am Beach, wenn jede
Brust und jeder Bizeps gleichermaßen prall ist? Hebt sich all die Schönheit
gar gegenseitig auf?
Manch schwules Dickerchen denkt in seiner Not da gerne um drei Ecken: "Ich
bin zwar nicht so gut gebaut, dafür aber immerhin anders als alle anderen und
somit auch wieder attraktiv. Irgendwie." Leider gefehlt! Denn das Prinzip der
Knappheit versagt auf dem schwulen Markt der Schönheit. Unter den Homos gilt
auch für wohltrainierte Titten: Gleich und gleich gesellt sich gern." Wer
nicht ganz so viel zu bieten hat, sollte deshalb eine professionelle Beta-
SP-Fernsehkamera (ab 50.000 Mark) im Gepäck mitführen - denn nichts zieht die
Blicke schneller an, läßt die Hüllen schneller fallen und die Matratzen
quietschen. Mit der Beta-Cam auf der schmalen Schulter kann sich selbst ein
ungebräunter Flachbrüstiger mit Haarausfall und schiefen Zähnen am
Schwulenstrand der Zwölften Straße höchster Aufmerksamkeit gewiß sein. Er
könnte ja von MTV sein. Oder CNN. Oder - mein Gott, nicht auszudenken! -
einen neuen Werbespot für Versace drehen.
Gleich unterhalb der Beta-SP rangiert ein professioneller Photoapparat von
Nikon, Canon oder, noch besser, Hasselblad. Wer mit einer solchen Edellinse
vor dem Gesicht platt auf dem Ocean Drive liegt, knappe Kommandos ruft und
heftige Verrenkungen aufführt und ein in Grunge-Lumpen gekleidetes Model auf
Rollschuhen ablichtet, hat ebenfalls gute Chancen, als Starphotograph
eingestuft zu werden - und ergo seinerseits abgeschleppt, angemacht oder
zumindest photographiert zu werden.
Überhaupt ist das Photographieren oder Filmen von Menschen, die
photographieren oder filmen, wie jemand einen photographiert oder filmt, der
wiederum einen anderen photographiert oder filmt, ein in South Beach sehr
verbreitetes Phänomen - und immer ein Photo wert.
In diesem Spiegelkabinett der Eitelkeiten lassen sich die Schwulen nach
diversen Veranlagungen sortieren: Da ist zunächst der gewöhnliche Besucher,
der Homo homo touristicus. Der kommt, kopuliert und geht nach zwei Wochen.
Dann gibt es jene, die sich "Models" nennen, anzutreffen tagaus, tagein an
derselben Stelle des schwulen 12th-Street-Beach. Allerdings nur so lange, bis
sie der pager an ihrer Badehose (die allgegenwärtige US-Version
des Euro- Piepsers) hochreißt: "Oh, that's my agency" - hastiger Abschied vom
kollektiven Rösten. Angepiepst werden diese sogenannten Models allerdings
häufig nicht von ihren Agenturen sondern von einem Freier.
Ferner sind da die, die in South Beach hängengeblieben sind. Sie nennen sich
gerne "Manager". In Wirklichkeit sind sie in der Regel Vertreter des
WHAMER-Typus (sprich: "wämer"). Whamer ist ein Akronym für
"Waiter-Actor-Entertainment-Retail" - also jene vier Branchen (Gastronomie,
Film, Unterhaltung, Einzelhandel), in denen der schwule "Manager" am
häufigsten beschäftigt ist. In der Regel als unterbezahlte und illegale
Aushilfe.
Alle Typen vereinigen sich letztendlich jeden Abend in den monumentalen
Diskos, als da wären das "Amnesia", das "Paragon", das "Kremlin" das "Warsaw"
und das "Twist." Wer nicht gerade eine Beta-SP-Kamera geschultert hat, muß
schon mal eine halbe Stunde anstehen. Eingekehrt in die Tanzhallen, wird er
dann, wie auch in New York, Amsterdam oder Paris, mit dem Anblick von
Solotänzern belohnt, die zu Tekkno oder HipHop den oft beachtlichen Inhalt
ihrer halbtransparenten Satin-Shorts hin und her schütteln. Unlängst im
Paragon knetete ein Solotänzer sein überdimensionales Glied im Rhythmus der
Musik so heftig, daß nur sein ausnehmend unattraktives Gesicht ihn vor
unkontrollierten Übergriffen der Tanzenden bewahrte.
Nach den Ekstasen der Nacht erscheint der Ocean Drive morgens um acht Uhr
unnatürlich ruhig. An seinem südlichen Ende fordert ein Verkehrsschild "No
Cruising". Unerwünscht ist natürlich das eitle Hinundherparadieren von
Luxuscabriolets - und nicht etwa das ebenfalls als "Cruising" bekannte
sexuelle "Hasch-mich"- Spiel der Schwulen. Würde letzteres jemals verboten,
wäre der Boom von South Beach vorbei. Denn wozu dann noch makellos und schön
sein? Versace hin, Versace her.