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T900918.169 TAZ-BERLIN Nr. 3213 Seite 23 vom 18.09.1990
255 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Nur der Pfarrer hatte mal Zeit«
»Nur der Pfarrer hatte mal Zeit«
Psychosoziale Betreuung von Aids-Patienten in den Berliner
Krankenhäusern und bei häuslicher Pflege VON MARC FEST
Zu Hause in seinem Zimmer hängen zwei Infusionsflaschen über dem Bett -
provisorisch an einem Nagel in der Wand, damit es nicht wie im Krankenhaus
aussieht. Links neben der Tür steht ein hoher Regalschrank, von unten bis
oben vollgestopft mit Injektionsnadeln, Spritzen, Plastikschläuchen und
Medikamenten. Rechts vom Bett kleben Hunderte von Fotos - Momentaufnahmen
eines 28jährigen Lebens. »Ich habe das Gefühl, ich hab' noch Zeit«, sagt Dirk
(Name geändert) und fügt hinzu: »Eigentlich fühle ich mich in vielen Dingen
gesund und lebe viel bewußter als früher.« Dreimal war er schon am Sterben,
zuletzt vor einem Monat.
Dirk weiß seit 1984, daß er HIV- positiv ist. »Ich kam damit erst mal klar,
fühlte mich auch ganz gut und sicher«, erzählt Dirk. Damals machte er auch
mit dem Tanzen weiter, für ihn Beruf und Leidenschaft zugleich. Im Juli 1989
brach die Krankheit dann aus. »Am Anfang war das Fieber. Zunächst hieß mein
Hauptproblem »Krankenhaus«. Den Wechsel dorthin wollte ich möglichst lange
hinauszögern.« Schließlich kam Dirk in die Station 30-C des
Auguste-Viktoria-Krankenhauses (AVK) in Schöneberg. Die Ärzte
diagnostizierten eine Lungenentzündung und eine Bakterieninfektion. Nach
sechs Wochen am Tropf konnte Dirk wieder nach Hause. Seitdem war er insgesamt
sechsmal im AVK, wo er mehr als die Hälfte der letzten zwölf Monate verbracht
hat. Lungenentzündungen, Abszesse, Pilz- und Virusinfektionen folgten
schubweise in kurzen Abständen. Inzwischen zögert er nicht mehr, rechtzeitig
ins AVK zu gehen, wenn das Fieber kommt: »Je schneller du hingehst, desto
größer sind deine Chancen. Die Ärzte, die Pfleger und Krankenschwestern sind
dort sehr engagiert und ziehen nicht nur ihren Job runter. Es ist für mich
allerdings unheimlich wichtig und aufbauend, immer wieder zu Hause zu sein.«
AVK: Besuchszeit ohne Grenzen und Rooming-in
»Schleuse« heißt es auf einigen Türen der Krankenzimmer in den Stationen 30-B
und 30-C im AVK, wo gegenwärtig 53 Aids-Kranke liegen. Der unheilvolle
Schriftzug ist zum Glück nur ein Relikt aus vergangenen Zeiten, als hier noch
Patienten mit ansteckenden Tropenkrankheiten behandelt wurden. Heutzutage
wird hier niemand mehr isoliert. Jeder darf ständig Besuch empfangen, in
kritischen Phasen können Angehörige, Freunde oder Lebenspartner für mehrere
Tage zu den Schwerkranken ziehen. Ein menschenwürdiges Sterben ist ein
Bestandteil des sogenannten »Schöneberger Versorgungsmodells«, das der
psychosozialen Betreuung eine gleichberechtigte Stellung neben der
medizinischen Pflege zuweist. Ein weiterer Bestandteil ist die enge
Zusammenarbeit mit den Sozialstationen der Bezirke, den drei Berliner Aids-
Schwerpunktpraxen niedergelassener Ärzte und den Hilfsorganisationen. Nach
dem Schöneberger Modell sollen Aids-Kranke möglichst wenig Zeit im
Krankenhaus verbringen. Doch immer öfter in der letzten Zeit müssen Patienten
länger als nötig im Krankenhaus bleiben, weil sich keine ambulante
Pflegestelle für zu Hause finden läßt.
»Der Entlassungstermin ist für die Kranken psychologisch sehr wichtig. Die
freuen sich auf ihre eigenen vier Wände. Wenn die Vermittlung an eine
ambulante Pflegestelle dann nicht klappt und sie deshalb länger bleiben
müssen, geht es ihnen auch körperlich gleich viel schlechter«, schildert
Andreas (27), seit anderthalb Jahren Krankenpfleger im AVK, den Teufelskreis.
Doch frustriert sei in solchen Fällen nicht nur der Patient, sondern auch der
Krankenpfleger oder die Krankenschwester. Denn auch für sie bedeutet die
Entlassung eines Patienten jedesmal ein Erfolgserlebnis.
Der »klinische Koordinator«: Verbindung zur Außenwelt
Für die Aids-Kranken auf den Stationen 30-B und 30-C ist Lars oft der erste
Ansprechpartner und - wenn es keine Freunde oder Angehörigen gibt - die
Verbindung zur Außenwelt. Lars ist »klinischer Koordinator« der Berliner
Aids-Hilfe (BAH). Was so bürokratisch klingt, ist für viele Neuankömmlinge
eine unschätzbare menschliche Hilfe. Lars ist für alle da. Für den, der etwas
Wichtiges zu Hause vergessen hat oder einen Behördengang nicht erledigen
konnte, weil die Krankheit plötzlich dazwischenkam. Auch für den, der sich um
seine Blumen zu Hause sorgt, die von irgend jemandem gegossen werden müssen.
Und Lars hört auch zu, wenn jemand einen Gesprächspartner sucht, um sich
seine Ängste und seine Verzweiflung von der Seele zu reden. Lars telefoniert,
organisiert und hilft, damit »draußen« nicht alles zusammenbricht. Und wenn
der Kranke wiederhergestellt ist, bemüht sich Lars um die Vermittlung an eine
der raren häuslichen Pflegestellen - allerdings immer häufiger erfolglos. Zu
allem Überfluß ist seine Planstelle nun auch noch gefährdet. Die Förderung im
Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) läuft demnächst aus, und der
Senat hat sich gegenüber der BAH nicht zu einer Übernahme der Finanzierung
bereit erklärt. Auch Professor Manfred L'Age, Chefarzt auf den Stationen 30-A
und -B, befürchtet »schwerwiegende Beeinträchtigungen«, falls Lars seinen
Arbeitsplatz verliert. Er sei »außerordentlich wichtig«, so der Professor.
»Anarchistisches Tuntenprojekt«?
»Anarchistisches Tuntenprojekt« schimpften Politker HIV e.V., als schwule
Krankenpfleger 1987 begannen, die häusliche Pflege schwuler Aids-Kranker
selbst in die Hand zu nehmen. Inzwischen hat der Senat seine Berührungsängste
verloren und fördert HIV e.V. als eine »Pflegestation« im Rahmen der
Sozialstationen der Wohlfahrtsverbände. Ähnlich wie im AVK werden auch beim
HIV e.V. die Kranken nicht nur medizinisch versorgt, sondern auch
psychosozial betreut. 90 Schwerkranke werden seit 1987 gepflegt, 78 davon
sind inzwischen gestorben. Gegenwärtig versorgen sechs Krankenpflegekräfte
und ebensoviele Haushaltshilfen 15 Aids-Kranke. »Unsere Kapazitäten sind im
Keller. Ein Kranker muß sterben, damit wir einen neuen aufnehmen können«,
erläutert Pressesprecher Achim Weber die Engpässe im Projekt.
Odyssee durch Krankenhäuser
»Ich bin stolz, daß Dr. Bauer mein Arzt ist«, sagt Ute (Name geändert), die
im Januar 1986 wegen einer »Toxo« in das Urban-Krankenhaus eingeliefert
wurde. Toxoplasmose ist eine Virusinfektion, die zu krankhaften Veränderungen
im Gehirn führt. Im Krankenhaus sagte man ihr während einer Chefarztvisite,
daß sie Aids hat. Ute wurde 1979 heroinabhängig. Es folgten Hauseinbrüche,
eine Verhaftung, Gefängnis, dann eine Entziehungskur. »Von 1981 an war ich
fünf Jahre clean. Erst als ich Aids hatte, fing ich wieder an zu fixen und
rutschte diesmal total ab«, erzählt die 30jährige Frau. Hinter ihr liegt eine
wahre Krankenhausodyssee: Zuletzt lag sie zwei Monate im Knastkrankenhaus
Moabit. »Das ist wirklich übel. Nichts Menschliches. Du hast Angst, da
drinnen zu krepieren. Einmal in der Woche kommt der Arzt zur Visite, aber das
geht zackzack. Schließlich kam ich aus dem Gefängnis frei, weil man mich
wegen der Toxo für unzurechnungsfähig erklärte.«
»Chefarzt Pohle mag Junkies nicht.«
Drei Monate verbrachte sie auf der Station A1 im Rudolf-Virchow- Krankenhaus.
»Da gibt es keine menschliche Zuwendung. Der einzige, der mal mit mir sprach,
war der Pfarrer. Der Chefarzt Professor Pohle mag Junkies nicht und läßt das
einen auch spüren.« Im AVK fand Ute es »am menschlichsten«. Weil sie
obdachlos war, mußte sie länger als nötig bleiben. Dr. Bauer verschreibt ihr
inzwischen täglich Polamidon, ein Medikament, das ihre Heroinabhängigkeit
neutralisiert. »Ich verstehe mich nicht als Drogenarzt. Doch um die
HIV-Krankheit von Drogenabhängigen zu therapieren, muß ich sie zunächst von
der Spritze und von der Straße wegbekommen«, erklärt Dr. Bauer den Grund für
die Polamidonsubstitution. Weil die Polamidonvergabe rechtlich ungeklärt ist,
gerät Dr. Bauer immer wieder mit den Krankenkassen und der Staatsanwaltschaft
in Schwierigkeiten.
Ute ist mittlerweile nicht mehr obdachlos. Die gemeinnützige Gesellschaft
»zuhause im Kiez« (ziK) vermittelte und finanziert ihr eine Wohnung. Ute
verfügt über 495 Mark Sozialhilfe und 325 Mark Pflegegeld. Pflegegeldstufe 2
lehnte das Bezirksamt ab. Begründung: Ute »fehle« noch eine dritte
opportunistische Infektion. Jeden Tag geht Ute ins AVK und besucht einen
aidskranken Freund, den sie dort kennengelernt hat. »Ich will bis zum Tod bei
ihm bleiben, denn das schlimmste ist die Einsamkeit.«