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T901219.118 TAZ Nr. 3290 Seite 11 vom 19.12.1990
173 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Philip Morris sucht Kontakt zu Marlboro-Boykotteuren
Philip Morris sucht Kontakt zu Marlboro-Boykotteuren
Image in Gefahr: Zigarettenkonzern entsendet Unterhändler an
"Act-up"-Gruppen, die ihm das Sponsorn eines schwulenhassenden
US-Senators vorwerfen Von Marc Fest
Armer Marlboro-Mann: Millionen von Schwulen strafen ihn zur Zeit mit
Liebesentzug, indem sie seinen Glimmstengel (Länge: 8,2 cm, Nikotin: 0,9 mg,
Teer: 13 mg) nicht mehr anrühren. Seit April rufen die Aids-Aktionsgruppen
"Act up" weltweit zum Boykott der meistverkauften Zigarette der Welt auf,
damit deren Herstellerfirma Philip Morris die Unterstützung für den
republikanischen US-Senator Jesse Helms einstellt. Der 69jährige Politiker
wird von Philip Morris finanziert, weil sein Heimatstaat North Carolina das
Zentrum der nordamerikanischen Tabakindustrie ist. Südstaatler Helms, seit
1973 im Amt und erst kürzlich mit 53 Prozent Sieger über den schwarzen
Demokraten Harvey Gannt, ist seit Jahrzehnten als einer der einflußreichsten
Schwulenhasser in den Vereinigten Staaten bekannt.
Für Helms sind Schwule "disgusting people", ekelhafte Menschen. Der
Erzreaktionär sorgte 1987 für das sogenannte Helms-Amendment, einen
Verfassungszusatz, der die staatliche Finanzierung von Aids-
Aufklärungsmaßnahmen verbietet, wenn diese das Schwulsein als
gleichberechtigten Lebensstil darstellen. Auch die gesetzlich
vorgeschriebenen Aids-Tests für Immigranten und eine Kampagne gegen die
"Verherrlichung obszöner Lebensstile in der Kunst" (der eine
Mapplethorpe-Ausstellung zum Opfer fiel) gehen auf das Konto des
Abtreibungsgegners und Contra- Freundes Helms.
Philip Morris, der 140 Jahre alte Tabakkonzern (Umsatz 1989: 45 Milliarden
Dollar) sorgt sich um sein Image. Nicht ohne Grund, denn in vielen schwulen
Szeneläden ist Marlboro, die Fluppe mit dem Machotouch, schon aus den
Automaten verbannt. Eine Verringerung des Marktanteils um nur ein Prozent
würde allein in den USA eine Umsatzeinbuße von einer Viertel Milliarde
US-Dollar bedeuten. Zudem ist die ursprünglich rein schwule Protestwelle
inzwischen auch in die Kunst- und Kulturszene hineingeschwappt. Dort hatte
sich Philip Morris bis vor kurzem durch vielfältige Sponsoraktivitäten
liberale Lorbeeren verdienen können.
Allein in New York beteiligen sich über 100 Bars, Restaurants, Theater und
Clubs an dem Boykott. Sogar die Eliteuniversität Harvard kündigte inzwischen
den Verkauf aller ihrer Philip-Morris-Aktien an. Die New Yorker
John-Webber-Gallery zeigt seit April einer überdimensionale
"Helmsboro"-Schachtel des deutschstämmigen Künstlers Hans Haacke. Die
anderthalb Meter langen Zigaretten tragen die Aufschrift "Philip Morris funds
Jesse Helms". In Deutschland kündigte das Hamburger "Schmidt-Theater" zum
Jahresende seinen Sponsorvertrag; das Kölner "Theater am Tor" stieg ebenso
aus, und in Frankfurt brach die "Filmschau" laufende Verhandlungen mit dem
Münchner Tabakkonzern ab. Damit nicht genug: In Stuttgart startetet die
Konkurrenzmarke "Lucky Strike" vor kurzem eine neue Werbekampagne. Als
Blickfang auf den Werbetafeln sind nur schöne Männer und sonst nichts zu
sehen. Folge: Immer öfter greift mann in der schwulen Subkultur jetzt zu der
"Nachkriegsknülle", so ein Szenebeobachter. Im Ostteil Berlins organisiert
die Schwulengruppe "Sonntagsclub" den Boykott der ehemaligen DDR- und
heutigen Morris-Marken Karo, F6 und Juwel. Außerdem sind auch die
Leichtzigarette Philip Morris Light American und Erzeugnise der
Morris-Tochter Jacobs-Suchard auf dem Boykottindex: Milka-Schokolade,
Toblerone, Kraft-Produkte und Jacobs-Kaffee. Pause für "lila Pause". In den
USA wird seit Juli auch das Miller Beer der 100prozentigen Philip-Morris-
Tochter Miller Brewing eiskalt stehengelassen.
Kein Wunder also, daß Philip Morris, Marktführer in Westdeutschland (31,4
Prozent, davon Marlboro allein 23,7) und Ostdeutschland (40 Prozent, davon
Karo mehr als 25 Prozent) Kontakt zu den schwulen Boykotteuren sucht. In
Deutschland entsandte das Unternehmen zu diesem Zweck Mitte November einen
Vermittler zu Treffen mit Act-up-Gruppen in Berlin und Köln. Direkte
Gespräche des Konzerns mit den Boykotteuren waren im Juli gescheitert. Der
Mittelsmann, selbständiger Marketingexperte aus Frankfurt, habe "abzuklären"
versucht, ob "größere finanzielle Zahlungen an Aids-Selbsthilfeorganisationen
die Act-up-Gruppen zu einem Abbruch des Boykotts bewegen könnten", berichtete
die Berliner Act-up-Gruppe nach dem Gespräch. Die Act-up-Gruppen hätten
dieses Angebot aber zurückgewiesen und statt dessen gefordert, daß sich die
deutsche Philip Morris GmbH öffentlich von den Spendenpraktiken der New
Yorker Konzernzentrale distanziere. Der Vermittler habe "dies nicht in
Aussicht stellen wollen", so Act up.
"Die Frage ist doch: Wem will man eigentlich helfen?" meint dagegen der
Frankfurter Philip-Morris- Mittelsmann zur taz. Den Act-up- Mitarbeitern warf
er "Stasi-Methoden" vor und beschimpfte sie als linksradikale Gruppen, mit
denen man nicht diskutieren könne. Von dem Geldangebot distanzierte sich der
Marketingexperte. Dafür habe er von Philip Morris auch kein Mandat erhalten.
Er fühle sich durch die Bekanntmachung der Gespräche von Act up "mißbraucht".
"Act up lügt", sagt hingegen Udo Wolff, Pressesprecher der Münchner Philip
Morris GmbH. Ein Geldangebot habe es nie gegegen. Außerdem sei Philip Morris
ein "liberales Unternehmen", dessen Spendenvolumen für
Aids-Hilfsorganisationen allein in diesem Jahr in den USA eine Million Dollar
erreiche. An Jesse Helms persönlich seien dagegen in den letzten dreizehn
Jahren insgesamt lediglich 21.000 Dollar gezahlt worden, für ein Helms-Museum
habe es zusätzlich noch einmal 200.000 Dollar gegeben. Die Unterstützung für
Helms werde der Konzern auch in Zukunft nicht einstellen, selbst wenn Philip
Morris die Ansichten des Senators zu Homosexualität, Aids und Kunst "in
vielen Punkten" nicht teile.