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T950420.152 TAZ Nr. 4599 Seite 20 vom 20.04.1995
94 Zeilen von TAZ-Bericht Marc Fest
Ironie-Offensive vom Lerchenberg?
Ironie-Offensive vom Lerchenberg?
Das ZDF zickt zurück
Berlin/Mainz (taz) - Die Imageschlacht zwischen den TV-Sendern ist
wie ein Bandenkrieg unter Jugendgangs. Nach Jahren der Demütigung durch
dramatische Werbeeinbußen will das ZDF nun zurückschlagen: Ab dem kommenden
Wochenende pinkelt der Mainzer Sender die Privaten an - mit einer Serie von
fünf Image- Spots, die aggressiver und frecher sind als alles, was sich die
Mainzelmänner bisher ausgedacht haben.
Souverän in der ersten Reihe sitzen hat nicht funkioniert; statt dessen wird
in den neuen Spots ausgeteilt: zum Beispiel gegen Talk-Shows à la
Schreinemakers, die das ZDF in seiner neuen Eigenwerbung hemmungslos nachäfft
- das Double der blondierten Labertasche interviewt einen Politiker mit einem
geheimen Doppelleben als Autoreifen. Andere Spots präsentieren den mit viel
Pappmaché inszenierten "Angriff der Monstergurken" oder einen schwangeren
Mönch im Kreuzverhör (mit meisermäßig wippendem Schuh) am Bildschirmrand. In
einer martialischen Mutproben-Game-Show werden die ramponierten Teilnehmer
der strahlenden Moderatorin per Fließband wie ein Haufen Elend vor die Füße
geschüttet. Sinngemäßer Kommentar zu der geballten Ladung Hohn und Spott:
Diesen Müll kennen Sie ja. Beim ZDF bekommen Sie statt dessen Qualität:
"Abschalten können Sie woanders."
Bernward Frank, Leiter der Abteilung Programm-Marketing bei den Mainzern,
will mit den neuen Spots das ZDF "als Info-Sender, der auch ein attraktives
Unterhaltungsprogramm hat", herausputzen - sozusagen eine Besinnung auf die
alten Stärken. Verzweifelte Versuche, den Privaten hinterherzuhecheln,
beispielsweise mit dem auf jugendlich getrimmten Computermagazin "X-Base",
seien "total schiefgegangen", gesteht Frank resigniert; die Zehn- bis
Sechzehnjährigen hat er denn auch abgehakt: "Die sind so fixiert auf Pro7 und
RTL2, die finden das ZDF ja gar nicht mehr."
Fraglich ist, ob das ZDF ohne Erneuerung seiner Programminhalte die in den
Spots gemachten Qualitätsversprechen tatsächlich halten kann. "Denn so viel
haben die nicht zu bieten", sagt Lutz Hachmeister, Chef des Grimme- Instituts
in Marl. Das ZDF habe von allen Sendern die größten "Imageprobleme"; Umfragen
zufolge würden die Zuschauer bei nur relativ wenigen Sendungen gleich ans
Zweite denken. "Gut und intelligent gemachte Spots" erzielten natürlich immer
einen Aufmerksamkeitseffekt, so Hachmeister, aber auch provokatives Auftreten
könne aus "einem Käfer keinen Lamborghini machen".
Frech und witzig sind die Spots allemal. Couchpotatos dürfen deshalb gespannt
sein, ob und wie die Privaten nun zurückzicken. Denn nicht immer sind die
Werbestrategien von ARD und ZDF bisher planmäßig verlaufen. Aktuellstes
Werbefiasko: die nach kurzer Anlaufzeit erzwungene Absetzung der gemeinsamen
Kampagne mit dem Slogan "Worauf Sie sich verlassen können". Den Spruch hatten
bereits andere für sich entdeckt: Deutschlands Wursthersteller. Marc
Fest