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T900720.219 TAZ-BERLIN Nr. 3162 Seite 28 vom 20.07.1990
135 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Lieber ohne Fahrgäste - aber dafür im Takt
Lieber ohne Fahrgäste - aber dafür im Takt
"Schienenersatzverkehr" auf der Linie 1 zwischen Gleisdreieck und
Hallesches Tor wegen Bauarbeiten: Fahrgäste am Rande des
Nervenzusammenbruchs / Viel Streß trotz nur geringen Zeitverlustes /
Bericht über ein leider notwendiges Übel
Kreuzberg. Ausnahmezustand auf der U-Bahn-Linie 1: Weil der 1902 erbauten
Anhalter Brücke der Kollaps droht, operieren Chirurgen des Krupp-Konzerns
seit Monatsanfang Tag und Nacht an dem Streckenteil zwischen Gleisdreieck und
Hallesches Tor. Den noch bis zum 10. September lahmgelegten Abschnitt der
bekannten Hauptverkehrsader überbrücken BVG und BVB gemeinsam durch einen
bisher beispiellosen Bypass-Eingriff: 17 Schlenkis Ost Marke und fünf
Doppeldecker West pendeln jeweils zu dritt und alle fünf Minuten auf den
anderthalb Kilometern zwischen Gleisdreieck und Halleschem Tor entlang des
Landwehrkanals. Dank einer zusätzlich eingerichteten Busspur und raffinierter
Ampelschaltungen soll den Fahrgästen - selbst bei hohem Verkehrsaufkommen und
trotz zweier Baustellen - ein Zeitverlust von lediglich zehn Minuten
entstehen. Die allerdings haben es in sich...
Hallesches Tor, sieben Uhr morgens an einem Werktag: Aus einem Zug in
Richtung Schlesisches Tor strömen etwa 70 Fahrgäste, die meisten von ihnen
auf dem Weg zur Arbeit. Im Laufschritt rennen viele die Treppen hinunter. 50
Meter weiter links auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten schon zwei
Schlenkis und ein Großer Gelber, aber die Fußgängerampel zeigt Rot. Wer brav
wartet, den bestraft der Busfahrer: Pünktlich im Zeittakt, aber fast leer
fahren die drei Busse los, als die Ampel gerade auf Grün umspringt. Die Leute
fluchen.
Eine Viertelstunde später ereignet sich eine ähnliche Szene: Drei Busse
nehmen Kurs in Richtung Gleisdreieck. Besatzung: die Fahrer und lediglich
drei (!) Passagiere. Zehn Sekunden später strömen etwa hundert Leute die
Treppen herab und können den Bussen nur noch hinterherwinken. Warum die
Fahrer stur ihren Zeittakt einhalten, obwohl sie von ihrer Warteposition aus
das Einlaufen der Züge sehen können, ist allen ein Rätsel. Einige zornige
Fahrgäste schieben einen provisorischen Absperrzaun beiseite und eilen über
den Grünstreifen und zwischen dem fließenden Berufsverkehr hindurch zur
Haltestelle. Als schließlich fast alle die Abkürzung nehmen, brechen die
Autofahrer in wildes Gehupe aus.
Kein Wunder also, daß viele Fahrgäste trotz des eher geringen Zeitverlustes
genervt sind. "Beschissen" findet Ingrid Talbot, dauernd auf den Bus warten
zu müssen. "Ich habe abends keine Zeit mehr zum Einkaufen und bin beim
Zeitstempeln im Betrieb immer im Minus, dann muß ich nacharbeiten", ärgert
sich Christa Nikolauschke. Andere beklagen sich, früher aufstehen zu müssen.
Nachmittags, 15 Uhr, Rush-hour: Die Linie 1 steht kurz vor dem Infarkt. Im
für Pendelverkehr denkbar ungeeigneten U -Bahnhof Gleisdreieck schieben sich
die Massen auf den Gängen. Rolltreppen gibt es hier keine. Schlechte Karten
für Behinderte und alte Leute. Eine 72jährige Frau mit Gehstock,
hüftgelenkoperiert und bepackt mit zwei schweren Taschen, quält sich vom
Bahnsteig über die M-Bahn-Halle die 88 Stufen zur Haltestelle hinab. Vor den
Bussen wird geschubst und gedrängelt. Die alte Frau steigt als letzte ein.
"Die jungen Leute haben halt Vortritt", meint sie. Einen Platz bekommt sie
erst nach Intervention eines Fahrgastes. "Konnt` ich doch nicht wissen, daß
die operiert ist", mosert eine junge Frau, als sie den Sitz freimacht.
Die Atmosphäre ist gereizt. Viele ziehen die geräumigeren Schlenkis aus dem
Osten vor. "Die fahren nicht so aggressiv und bremsen nicht so brutal", meint
eine Frau. Außerdem öffnen die Fahrer der BVB auch die hinteren Türen, so daß
beim Einstieg weniger gedrängelt wird. Fahrkarten kontrollieren sie dabei
nicht - im Gegensatz zu den BVG -Fahrern. Dies wird vor allem von den
Schwarzfahrern geschätzt.
Streß gibt es jedoch nicht nur auf der Linie 1. Denn auf den Pendelverkehr
angewiesen ist auch, wer bisher von der Linie 7 in der Station Möckernbrücke
(zwischen Gleisdreieck und Hallesches Tor) auf die U1 umsteigen wollte. Nicht
selten verpassen Fahrgäste, die um 0 Uhr 44 mit dem letzten Zug aus Spandau
oder Rudow kommen und Richtung Wittenbergplatz weiter wollen, den letzten
Pendelbus Richtung Gleisdreieck. Der dürfte eigentlich erst um 0 Uhr 50
fahren. Aber "manche Fahrer machen schon mal fünf Minuten früher Schluß",
erklärt ein BVB-Fahrer. Wen's als Fahrgast erwischt, der steht mitten in der
Nacht erst mal im Regen und weit und breit weder Taxi noch Nachtbus.
Einige Fahrgäste bleiben trotz allem cool. "Man kann ja schließlich nicht
fliegen", meint zum Beispiel Susanne Brockhoff, und Joachim Gehardy findet:
"Ich werde den Frühsport im Gleisdreieck vermissen." Da mag ihn trösten, daß
für 1991 bereits weitere Streckenunterbrechungen der Linie 1 in Planung sind.
Marc Fest