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T910121.164 TAZ-BERLIN Nr. 3311 Seite 21 vom 21.01.1991
73 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Auch der dröge Willy Stoph stand im Verdacht
Auch der dröge Willy Stoph stand im Verdacht
Eine Talk-Show im Schwulenzentrum »SchwuZ« über das »Outing« von
schwul/lesbischen Prominenten
Kreuzberg. Heimlich schwule (und lesbische) Prominente sollen an den
Pranger: »Wir wollen jetzt Namen hören«, forderte Moderator Lutz Ehrlich beim
»TalkSchwuZ« am vergangenen Wochenende.
Outing hieß das brisante Thema der Talk- Show im Kreuzberger
Schwulenzentrum diesmal. Das New Yorker Schwulenmagazin 'Outweek` startete
die erste Outing-Bewegung im letzten Jahr. Das Magazin enttarnte
amerikanische Prominente öffentlich als schwul oder lesbisch. Sinn der
umstrittenen Kampagne: mehr Akzeptanz für Schwule und Lesben in der
Gesellschaft. Der verstorbene Dollar-Milliardär und Reagan-Freund Malcolm
Forbes, Frauenschwarm Richard Chamberlain und »Nightfever«-Tänzer John
Travolta gehören zu den bisher geouteten.
Als potentielle Opfer des Abends im TalkSchwuZ erschienen Schnulzenkönigin
Marianne Rosenberg und ihre Freundin Marianne Enzensberger - beide schon seit
Jahren im Verdacht einer outenswerten Liaison. Außerdem anwesend: über 250
zumeist männliche ZuschauerInnen, die gespannt auf Enthüllungen waren.
»Stoph stand im Verdacht«, verkündete dann der offen schwule MdA Christian
Puls vom Bündnis 90, fand Outing jedoch »nicht so sinnvoll«. Besser sei,
»intern mit heimlich schwulen Künstlern ins Gericht zu gehen«. Sänger Marian
Gold von Alphaville (Big in Japan) nannte es »1984ermäßig, die Monster immer
auf die Titelseite zu knallen«, Marianne Rosenberg erklärte Sex zur
»Privatsache« und bezeichnete sich selbst als »hollywoodhaft«. Marianne
Enzensberger machte sich Sorgen um Heteros, die in der Öffentlichkeit
fälschlich als lesbisch/schwul bezeichnet werden könnten: »Dementis sind dann
absurd.« Tornado-Kabarettist Günther Thews hielt dagegen und gestand:
»Klatsch muß sein.« Am wichtigsten sei für ihn allerdings das »Inning«, der
Durchblick durch sich selbst.
»Bisher gab es bis auf Sedlmayr kein ernstzunehmendes Outing in Deutschland«,
klagte der Journalist und Ex-tazler Elmar Kraushaar. Er selbst habe deshalb
bislang kein Outing betrieben, »weil es noch nicht an der Zeit ist. Die
Medien wollen einfach nicht. Es fehlt die schwule Basis.« Outing sei aber
schon deshalb nötig, weil es für Heranwachsende »zu wenig schwule
Identifikationspersonen« gebe. Er habe sich als 17jähriger nur Oscar Wilde
und Rosa von Praunheim an die Wand kleben können. Reaktion eines Zuschauers:
»Zwangsgeoutete sind keine Vorbilder.«
Das Publikum im SchwuZ meldete sich erst gegen Ende des »Kaffeekränzchens der
Berufsschwulen« zu Wort. Man müsse auch an die Gefühle des Geouteten denken,
solle vor allem zu sich selber stehen und die Persönlichkeitsrechte anderer
respektieren, kritisierten die meisten das Outing. Nur einer regte ein
»Massen-Outing« an: Jeder Prominente, ob schwul/lesbisch oder nicht, solle
geoutet werden. Dadurch werde die Diskriminierung von Schwulen sinnlos.
Reaktion von Elmar Kraushaar: »Eine schöne Erweiterung.«
Vor Ort blieben Enthüllungen über Anwesende und Prominente, auf die so
mancher wohl gehofft hatte, aus: »Ich finde Hausfrauen toll«, bekannte
Marianne Rosenberg mit Blick auf ihre Fans, fügte dann jedoch sibyllinisch
hinzu: »Ich liebe hoffnungslos Typen.« Marc Fest