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T910621.209 TAZ-BERLIN Nr. 3436 Seite 30 vom 21.06.1991
100 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
FAB zensiert schwule Schwänze
FAB zensiert schwule Schwänze
Kabelrat stößt sich am Genital/ FAB-Chef erlaubt nur noch »inhaltlich
notwendige Schwänze«/ Totale Schwanzsperre tagsüber/ Schwule
Identifikationsfiguren und Coming-out-Hilfe für Jugendliche
Berlin. An den Schwänzen scheiden sich die Geister. Ein milchiger
Zensurbalken trübte am vergangenen Freitag das Sehvergnügen an der Sendung
des Ersten Deutschen Schwulen Fernsehens Andersrum. »Freiwillige
Selbstkontrolle durch FAB«, erläuterte ein eingeblendeter Untertitel die
Programmbeschneidung. Noch am Abend zuvor war die Sendung unzensiert durchs
Kabel geflimmert: Passend zur Berichterstattung über eine schwule Sauna
präsentierten die Macher des nicht nur bei Schwulen beliebten Fernsehmagazins
mehrere Erotik-Clips - mit freiem Blick auf die kleinen Unterschiede.
Die durchweg schlaffen Schwänze sind für Paul Stutenbäumer,
Vorstandsvorsitzender des »Fernsehens aus Berlin« (FAB), ein allzu hartes
Brot: »Die Sendung muß kinder- und jugendgerecht sein, da sie innerhalb der
dreistündigen FAB- Sendeschleife am Freitag und Samstag auch nachmittags zu
sehen ist.« Stutenbäumer wünscht sich die männlichen Genitale deshalb nur
noch dort, »wo sie inhaltlich notwendig sind«.
Außerhalb der Nachtzeit will der Chef von »Fernsehen aus Berlin« überhaupt
»keine solchen Szenen mehr«. Für die Tagesausstrahlung verlangt er vom
Schwulen Fernsehen eine entschärfte Sendeversion »völlig ohne Schwänze«.
Gänzlich in die Nacht möchte Stutenbäumer die zugkräftigste Produktion seines
Senders jedoch nicht verbannen: »Gerade bei der momentanen antischwulen
Stimmung in der Stadt ist die Tagesausstrahlung wichtig.«
Hintergrund der Erregung sind mehrere »Winke mit dem Zaunpfahl« seitens des
Berliner Kabelrates, verrät FAB-Pressesprecher Ernst Meier. Besonders ein
Mitglied der honorigen Fünferrunde habe an den Schwänzen schwer zu schlucken:
»Unmöglich, das kann nicht im Nachmittagsprogramm laufen. Was ist denn mit
den 12- und 13jährigen«, zitiert Ingeborg Ludwig, Rechtsreferentin beim
Kabelrat, die Vorbehalte aus dem Gremium, das FAB gegebenenfalls die
Sendelizenz entziehen könnte.
»Doch wir schwingen bisher auf keinen Fall die große Keule der Beanstandung«,
beschwichtigt Ingeborg Ludwig. Lediglich unterhalb der »Ebene der
Programmaufsicht« habe man der Redaktion von Andersrum in einem
informellen Gespräch geraten, mehr an die »kind- und jugendgerechte
Aufbereitung« des Programms zu denken. »Zwei oder drei Schwänze sind für uns
nicht automatisch jugendgefährdend«, versichert die Rechtsreferentin Ingeborg
Ludwig.
»Schwänze sind ein Stück schwules Leben«, meint André Kraft,
Produktionsleiter von Andersum. Nackte Frauen sehe man überall,
und darüber rege sich niemand auf. »Pornographie wollen wir nicht zeigen«,
garantiert Kraft. Aber auf die Erotik- Clips wolle das Magazin nicht
verzichten.
Um die Tagesausstrahlung beizubehalten, wollen die Macher von
Andersrum zur Not ihre Schwänze einziehen - zumindest zur
Tageszeit: »Wir bieten Kindern und Jugendlichen erstmals schwule
Identifikationsfiguren im Nachmittagsprogramm.«
»Das muß so bleiben. Die Coming-out-Hilfe ist eine der Hauptaufgaben von
Andersrum«, sagt Produktionsleiter Kraft. Die schwanzlose
Fernseh-Tagessendung möchte er nicht einfach kürzen, sondern an den Stellen
des Anstoßes »überkleben«, am liebsten mit rosa Winkeln. Kraft: »Das ist auch
ein politisches Statement.« Marc Fest