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T910122.209 TAZ-BERLIN Nr. 3312 Seite 28 vom 22.01.1991
112 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Aids-Projekte auf der Sparliste des Bundes
Aids-Projekte auf der Sparliste des Bundes
Selbsthilfegruppen in Ost-Berlin und den fünf neuen Bundesländern
wurden bereits in der Startphase finanziell auf Eis gelegt/ »Referat
Ost« der Deutschen Aids-Hilfe kämpft ums Überleben/ Bisher sind in
Berlin 1.092 Menschen an Aids erkrankt
Berlin. »Im Westen nichts Neues, wenig Kosten im Osten« - so könnte
die Losung für die derzeitige Sparpolitik von Bund und Ländern lauten. Auch
die Aids-Selbsthilfegruppen gehören zu den Leidtragenden der Katerstimmung
nach dem Einheitsfest. Bereits geplante Projekte werden eingefroren und die
Zuwendungen für 1991 auf das Maß vom Vorjahr begrenzt. Die kommunalen
Selbsthilfeorganisationen in Berlin trifft es noch härter, im Vergleich zum
Vorjahr müssen sie 1991 voraussichtlich im Schnitt mit 11,5 Prozent weniger
Landesmitteln auskommen. Die Anzahl der Betroffenen steigt indessen weiter.
In Berlin erkrankten bisher 1.092 Menschen an der Immunschwäche, in
Deutschland insgesamt 5.612.
Trügerische Ruhe herrscht derweil noch in den fünf neuen Bundesländern: Dort
gab es bislang »nur« 26 Aids-Kranke, 10 davon im Ostteil von Berlin. 16 sind
inzwischen gestorben. In Brandenburg erkrankten vier, von ihnen sind zwei
gestorben.
Ums Überleben kämpft derzeit auch das sogenannte »Referat Ost« der Deutschen
Aids-Hilfe (DAH). Bis Ende letzten Jahres firmierte es noch eigenständig als
Ostberliner »Aids-Hilfe«, finanziert aus einem Nachtragshaushalt des
DDR-Gesundheitsministeriums. Nun hängt das neue Referat Ost, wie auch seine
Mutterorganisation, am Bonner Finanztropf. Da dem Bund das Geld fehlt, gibt
er die Finanzmittel für die westliche DAH schon jetzt aus, für den Nachwuchs
Ost jedoch erst im Mai. Bis dahin muß das Referat Ost von der DAH
»durchgefüttert« werden. Als Gegenleistung stellt das Referat Ost zwei seiner
vier hauptamtlichen Mitarbeiter der völlig überlasteten DAH zur Verfügung.
Die verbleibenden zwei Mitarbeiter im Referat Ost können ihr Arbeitspensum
kaum noch bewältigen: Neu gegründete Aids-Selbsthilfeorganisationen in
mittlerweile mehr als zwölf Städten von Chemnitz bis Weimar sind auf
Weiterbildung ihrer zumeist ehrenamtlichen Mitarbeiter durch das Ostberliner
Team angewiesen. Für die anonyme Telefonberatung in Ost-Berlin bleiben da nur
noch drei Stunden pro Tag.
Ein Antrag auf einen Sonderfonds von 2,8 Millionen Mark zur Finanzierung von
15 Aids-Selbsthilfeprojekten in den neuen Bundesländern wurde bereits Ende
Dezember von Bonn abgelehnt. Inzwischen signalisierte das
Bundesgesundheitsministerium, daß die Ostler im Mai mit maximal zwei Stellen
rechnen dürfen. Gebraucht würden neun. Bleibt es bei zwei Stellen, »dann
können wir zumachen«, meint Referat-Ost-Mitarbeiter Reiner Metz.
Ans »Zumachen« will man beim HIV e.V. im Westteil der Stadt gar nicht denken.
In diesem schwulen Selbsthilfeprojekt nehmen schwule Pfleger seit 1987 die
häusliche Pflege von Aids-Kranken selbst in die Hand. Wenn am 31. September
dieses Jahres das Bundesmodellprojekt zur Förderung ambulanter Pflegestellen
ausläuft, droht dem Verein das Aus. Die Übernahme der acht halben
Pflegestellen durch den Berliner Senat steht noch die Frage. Für Aids-Kranke
in Berlin - und wahrscheinlich auch im Umland - ist der HIV e.V. die einzige
Möglichkeit, von schwulen Pflegern versorgt in den eigenen vier Wänden zu
sterben. »Wir sind ein wirklich funktionierendes Modell, stehen aber auf
total wackligen Beinen«, sagt Uschi Portscht von der gemeinnützigen
Gesellschaft »zuhause im Kiez« (ziK). 62 obdachlose Aids-Kranke haben durch
das ziK bisher eine Wohnung gefunden. Mit dem Auslaufen des Bundesprogramms
droht auch hier das finanzielle Ende.
Einen Beratungsladen in Prenzlauer Berg wollte der Ostberliner
Aids-Arbeitskreis »Pluspunkt« zusammen mit der Berliner Aids-Hilfe aufbauen.
Auch dieses Projekt ist inzwischen an den Finanzlöchern im Haushalt
gescheitert. Aus Geldmangel aufgelöst hat sich auch der Ostberliner
»Aids-Kreis«, neben dem Referat Ost die letzte nichtbehördliche AIds-Beratung
in Ost-Berlin. Marc Fest