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T920122.139 TAZ Nr. 3611 Seite 17 vom 22.01.1992
168 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
"Die Schwänze sind zulässig, ja, ja, ja"
"Die Schwänze sind zulässig, ja, ja, ja"
"Andersrum", das Erste Schwule Fernsehen aus Berlin, feiert
Geburtstag - und wird aus dem Tagesprogramm verbannt Von
Marc Fest
Die schwulen Schwänze hängen Paul Stutenbäumer zum Hals heraus. Offen zugeben
mag er das nicht. "Ich stehe zum Schwulen Fernsehen", behauptet der Chef des
Berliner TV- Senders "Fernsehen aus Berlin" (FAB). Trotzdem verbannte er
Deutschlands erstes Schwulenmagazin Andersrum nun in die
Nachtzeit, zwischen 21 und 3Uhr. Wegen der Erotikclips. Und vor allem: wegen
der nackten Schwänze darin. In denen sieht der Fernsehchef des erst
einjährigen Senders eine Gefahr für seine Sendelizenz. Und über die wird im
April neu entschieden. Stutenbäumer: "Da wollen wir auf Nummer Sicher gehen."
Der Bannstrahl trifft Andersrum ausgerechnet zu seinem einjährigen
Geburtstag: Schrill, schräg und schwul hieß das Magazin, als Rosa
von Praunheim es im Februar letzten Jahres mit einem Etat von 5.000DM pro
Sendung startete. Als "Bügelfernsehen" mit Aufklärungsappeal für "ganz
normale Tanten und Hausfrauen" hatte der schwule Filmemacher sein Programm
geplant. Höhepunkt der ersten Sendungen: ein eher keuscher "Kuß der Woche".
"Scheinliberale Zuckerwatte", schimpfte das Berliner Schwulenmagazin
'Siegessäule`. Auch Praunheims Mitarbeitern war das Konzept zu lasch und der
Führungsstil ihres "künstlerischen Leiters" zu autokratisch. Schon nach Folge
acht zog Gründungsvater Praunheim seinen Schwanz deshalb ein und ging. Aus
dem wöchentlichen Schrill, schräg und schwul wurde ein monatliches
Andersrum. Und für den Höhepunkt sorgt nicht mehr der Kuß der
Woche sondern ein "Erotikclip" - mit freiem Blick auf den kleinen
Unterschied. "Schwänze sind ein Stück schwules Leben", rechfertigt
Produktionsleiter André Kraft die unverhüllten Genitale.
Der schlaffe Schwanz - bei Weiber von Sinnen schon längst ein
altes Eisen - erregte FAB-Chef Stutenbäumer schon im vergangenen Juni: Damals
verschleierte FAB die Erotikclips von Andersrum tagsüber mit einem
milchigen Balken. Nur noch "inhaltlich notwendige" Schwänze forderte
Stutenbäumer für seinen Sender - ein vorauseilender und unbegründeter
Gehorsam gegenüber dem Berliner Kabelrat: "Über einen nackten Mann regt sich
doch kein Schwanz auf", brüskierte die zuständige Programmreferentin Susanne
Grams den Zensor von FAB - das Sehvergnügen bei Andersrum war
fortan wieder ungetrübt.
Bis zur Neujahrssendung. Auch darin präsentierte Andersrum den
obligatorischen Erotikclip - neben einem Interview mit Eartha Kitt, einer
Reportage aus dem Berliner "Theater des Westens" und einer Straßenumfrage zum
Thema "Nackte Männer im TV". Tenor der Antworten: "Nackte Männer - find' ich
gut." Das veranlaßte zwei aufgebrachte Zuschauer zu einer Programmbeschwerde
beim Kabelrat.
"Darauf gab es zwischen FAB, Andersrum und uns ein Gespräch. Das
ist in solchen Fällen vorgeschrieben", erläutert Programmreferentin Susanne
Grams. Ergebnis des "informellen" Small-Talks: "Die Schwänze sind zulässig,
ja, ja, ja", so Grams, der die Schwanz- Querelen inzwischen auf den Sender
gehen.
Sicherheitshalber präsentierte Stutenbäumer die inkriminierte Neujahrssendung
auch der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zur
Begutachtung. Resümee der Sittenwächter aus dem hessischen Wiesbaden: "Für
alle Altersstufen unbedenklich." Nur nicht für Stutenbäumer: er will nicht
eher ruhen, bis auch der Verbund der Landesmedienanstalten die schwulen
Schwänze gutachterlich gutiert hat. "Die haben im Zweifelsfall das letzte
Wort. Und bei denen haben auch die Bayern ein Wörtchen mitzureden", weiß
Stutenbäumer und beschreibt seinen persönlichen Alptraum: "Angenommen, ein
Vater sagt: ,Das hat mein Kind total verstört` und verklagt uns dann auf eine
Million."
"Aber gerade die Tagesausstrahlung bietet schwulen Jugendlichen eine
Coming-out-Hilfe und Identifikationsfiguren", argumentiert
Andersrum-Moderator David Wilms. Doch FAB-Chef Stutenbäumer bleibt
hart. Neben möglichen Prozessen fürchte er auch die Abmahnungen des
Kabelrates. Drei reichen, und die Lizenz ist futsch. "Und eine haben wir
schon eingesteckt", klagt Stutenbäumer. Was er nur widerwillig zugibt: Die
Rüge erging nicht wegen Andersrum. In der FAB- Kinosendung
Abgedreht (Stutenbäumer: "Die schneide ich selber") hatte der Chef
eine Rezension präsentiert - zur Prime-Time der lieben Kleinen, sprich
nachmittags, und ausgerechnet über den Motorsägen-Klassiker Texas
Chainsaw Massacre.
Paul Stutenbäumer hat also ein Problem: Andersrum ist ihm zu
erfolgreich. Knapp eine halbe Million - nicht nur schwule - Zuschauer, so
inoffizielle Zahlen, sehen die Sendung, die im Monat 16 mal auf dem
Kabalkanal E12 und nachts zusätzlich auf der Berlin-Frequenz von RTLplus
wiederholt wird. Für viele Berliner ist FAB daher inzwischen schlicht "der
schwule Sender". "Dadurch erleiden wir natürlich sehr große Einbrüche im
Werbemarkt", lamentiert Stutenbäumer.
Schuld am Erfolg und der Professionalität von Andersrum trifft vor
allem die Berlin Film-Produktionsfirma "Bund-Film". Seit Oktober investiert
sie pro Sendung 40.000 Mark an Technik, "die Gehälter gar nicht
mitgerechnet", so Elser Maxwell, Mitgesellschafter von Bund- Film und "vor
Jahrzehnten" einmal jüngstes Mitglied der "Homosexuellen Aktion Westberlin".
Doch Bund- Film investiert nicht nur aus Solidarität: "Fremde Redaktionen,
sogar öffentlich-rechtliche Anstalten, haben schon angeklopft", so Maxwell.
Vor der Tür steht nun auch die Jubiläumssendung. Am 30.Januar um 21Uhr
präsentiert Andersrum - ganz unbescheiden - den Schwerpunkt "Wir
über uns" und den Blick durchs Schlüsselloch: "Wie entsteht ein Erotikclip?"