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T901022.192 TAZ-BERLIN Nr. 3241 Seite 28 vom 22.10.1990
121 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
»Ein bißchen Strafrecht schadet nicht«
»Ein bißchen Strafrecht schadet nicht«
Justizsenatorin Limbach diskutiert mit Schwulen über die Streichung
des Homoparagraphen 175 Einigkeit herrscht über Streichung: Aber was
ist mit dem Schutzalter?/ Pädos fürchten Isolation
Kreuzberg. Peter, 23, und Paul, 17, sind scharf aufeinander. Erster
Blickkontakt: S-Bahnstation Gesundbrunnen. Während der Bahnfahrt kommt man
sich näher: auf der Linie 2, zwischen Frohnau und Lichtenrade. Doch da gibt
es ein Problem - abgesehen von verwirrten Fahrgästen und konsternierten
Kontrolleuren. Der Paragraph 175 StGB stellt immer noch »homosexuelle
Handlungen« zwischen einem Volljährigen und einem Mann unter 18 unter Strafe.
Es drohen bis zu fünf Jahren Gefängnis. Doch Peter und Paul können trotzdem
auf Nummer Sicher gehen. Nämlich auf dem Streckenteil zwischen dem Nordbanhof
und dem Potsdamer Platz. Dieser Abschnitt liegt nämlich auf dem Gebiet der
Ex- DDR, wo die SED den Paragraphen 151, die Ostversion des 175er, schon vor
zwei Jahren gestrichen hat. Und für den 175er gilt seit der deutschen Einheit
- ähnlich wie beim Paragraphen 218 - das hanebüchene sogenannte
Tatortprinzip.
Der Paragraph 175 war auch Thema der schwulen Talkshow »Talk-Schwuz« im
Schwulenzenztrum am Freitag in der Hasenheide. Vor 200 Schwulen diskutierten:
Justizsenatorin Jutta Limbach (SPD), Friedrich Kröhnke, Verfasser »heiterer,
päderastischer Kriminalromane« und Charlotte von Mahlsdorf alias Lothar
Bersfelde, Jahrgang 1928 und Faktotum der ostdeutschen Schwulenbewegung.
Ebenfalls geladen von Talkmaster Matthias Frings: der marxistische
Sexualwissenschaftler Günter Amendt, Autor der legendären Aufklärungsfibel
»Sexfront«.
Erwartungsgemäß befürworteten alle Anwesenden eine möglichst baldige
Streichung des 175ers - und folgerichtig entbrannte die Diskussion vor allem
in Hinblick auf die neue Schutzaltergrenze, die für beide Geschlechter
einheitlich und von der sexuellen Orientierung unabhängig sein soll.
Friedrich Kröhnke befürchtet allerdings bei einem Schutzalter von 16 Jahren
eine »Isolation der Päderasten« und Schlechterstellung lesbischer
Beziehungen, für die es bisher in der BRD überhaupt keine Strafgesetze gab.
Günter Amendt warnte davor, die Abschaffung des §175 mit einem bestimmten
Schutzalter zu koppeln. Sexualwissenschaftlich könne er persönlich zwar
durchaus auch ein niedrigeres Schutzalter vertreten, die Streichung des
Schwulenparagraphen sei aber eine rein politische Frage. Deshalb halte er es
für sinnvoller, die politische Forderung nach einer Abschaffung des 175ers
nicht durch sexualwissenschaftliche Diskussionen zu unterminieren.
Jutta Limbach wollte sich zu dem Schutzalter nur als »Privatgeschöpf« äußern
und gestand ihre »konservative Schwachstelle«: »Ein klein bißchen
symbolisches Strafrecht kann nicht schaden, um die unter 16jährigen zu
schützen«, meinte sie. Als Juristin wolle sie eben auch die »pathologischen
Extremfälle« geregelt wissen. Günter Amendt stimmte der Senatorin zu, daß vor
allem junge Mädchen durch sexuelle Gewalttaten gefährdet seien, und Schwule,
Lesben und Päderasten dies bei der Forderung nach einem möglichst niedrigen
Schutzalter berücksichtigen müßten. Es gehe in der Diskussion um den §218 im
Grunde um die »Kinderschändung«.
Nach dem vorzeitigen Abgang der Justizsenatorin (wegen PDS-Razzia und
Devisenskandal) erzählte Charlotte von Mahlsdorf zur allgemeinen Belustigung,
wie sie als »Transvestit bei Kriegsende durch den Endkampf geschwuchtelt«
sei. So verdeutlichte sie auch die historische Dimension eines Paragraphen,
auf dessen Grundlage die Nazis Tausende von Schwulen in den
Konzentrationslagern ermordeten.
Die Aussichten, daß der §175 gestrichen wird, sind mit der neuen CDU-Mehrheit
im Bundesrat inzwischen längst nicht mehr so rosig. Selbst unter den
SPD-geführten Ländern verhält sich NRW unter Johannes Rau eher abwartend,
nachdem die dortigen Grünen bei der letzten Landtagswahl nach einer
unpopulären Schutzalter-Diskussion nicht einmal die Fünfprozenthürde
schafften.
Im SchwuZ war die Mehrheitsmeinung schließlich eindeutig: Um das
»Etappenziel«, eine Streichung des 175ers, überhaupt zu erreichen, muß die
»Kröte des Schutzalters« zunächst einmal geschluckt werden. Marc
Fest