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T901025.206 TAZ-BERLIN Nr. 3244 Seite 22 vom 25.10.1990
89 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Beten für die Streichung des 175ers?
Beten für die Streichung des 175ers?
Die Abschaffung des Schwulenparagraphen in greifbarer Nähe/ »Jetzt
oder nie« - Berliner Aktionstage am Freitag und Samstag/ Bezirk
Tiergarten zierte sich bei Genehmigung - Limbach half
Schöneberg. Gratiskondome werden auf der Abschlußkundgebung der
Demonstration gegen den Paragraphen 175 am Samstag wahrscheinlich nicht vom
Himmel regnen. Statt dessen sollen diesmal 5.000 Gummiluftballons mit einer
unmißverständlichen Botschaft vor dem Brandenburger Tor in die Berliner Luft
steigen: »Paragraph 175: Hau weg den Scheiß!«
Viele Schwule würden vor Wut am liebsten gleich mit in die Luft gehen. Denn
noch immer verurteilen die Gerichte über 18jährige, die »homosexuelle
Handlungen an unter 18jährigen vornehmen«, mit bis zu fünf Jahren Haft. Im
vergangenen Jahr bundesweit 200, davon die meisten in Bayern und immerhin
keinen in Berlin. Bei heterosexuellen Beziehungen liegt das Schutzalter
lediglich bei 16 Jahren. Das Sondergesetz gegen Schwule hat nicht nur
juristische Folgen, es behindert, so die Kritik, Hilfsorganisationen in ihrer
Aufklärungsarbeit gegen Aids, bestärkt die Vorurteile der »Normalbevölkerung«
gegenüber den »warmen 175ern«, fördert die Bereitschaft zu Gewalttaten gegen
Schwule und belastet unnötig heranwachsende schwule Jugendliche, für die eine
normale schwule Entwicklung oft unmöglich ist.
Daß bei einer Abschaffung des Spezialstrafrechts gegen Schwule nicht die
sexuelle Anarchie ausbricht, bewies vor zwei Jahren ausgerechnet die SED. Sie
strich damals in der DDR den Paragraphen 151, die Ostversion des
bundesdeutschen 175ers. Die »Homosexualisierungswelle« blieb aus. Doch im
vereinigten Deutschland gilt heutzutage für den 175er wie für den
Abtreibungsparagraphen 218 das Tatortprinzip. Doch der Gesetzgeber ist wegen
des verfassungsmäßigen Gleichheitsgrundsatzes nun allerdings gezwungen, sich
über kurz oder lang mit dem 175er zu befassen. »Jetzt oder nie - Ersatzlose
Streichung des Paragraphen 175!« verkündeten deshalb bundesweit über 30
Gruppen, von der Aids-Hilfe bis zur Schwulendisko, die am kommenden Freitag
und Samstag mit einer Reihe von Aktionen gegen den 175er mobil machen. Am
Samstag startet als Höhepunkt der Aktionstage eine Anti-175er-Demo, deren
Route vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor führen soll.
Eine schwule Abschlußkundgebung - das war ausgerechnet für das Bezirksamt
Tiergarten zunächst ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Aktion »Beten für den
Frieden« würde man da schon eher genehmigen, so die Sachbearbeiterin. Grünes
Licht aus dem Bezirk mit Berlins größter »cruising area« gab es dann erst,
als sich Justizsenatorin Limbach (SPD) persönlich einschaltete. Dabei hatten
die Organisatoren bereits eine Alternativaktion geplant: »Beten für die
Streichung des 175ers«. Marc Fest
Die Anti-175er-Demo startet Sa., 27.10., 12 Uhr an der Weltzeituhr
auf dem Alex. Infos zu den anderen Aktionen bei »Mann-o-Meter«, Motzstraße 5,
Berlin 62, Tel.: 2168008. Eine Talkshow des Berliner Schwulenverbandes im
Rahmen der Aktionstage findet unter dem Motto »Paragraph 175 bald
gesamtdeutsch?« Fr., 26.10., 20 Uhr im BKA-Zelt auf dem Kreuzberg statt.