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T900726.196 TAZ-BERLIN Nr. 3167 Seite 22 vom 26.07.1990
58 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Putzattacke der BVG
Putzattacke der BVG
Charlottenburger Malermeister bietet geheimes Putzmittel gegen
Graffiti in U-Bahnen an
West-Berlin. Schlechte Zeiten für Berlins Graffiti-Maler: Durch den Wegfall
der Mauer ohnehin schon arg getroffen, soll ihnen nun eine weitere Stätte
ihres Schaffens verleidet werden. In einem Graffiti-Großangriff erwägt die
BVG ein wirksameres Vorgehen gegen die lästigen "Schmierereien", so
Pressesprecher Göbel. Einsatzwaffe soll eine neue, geheimnisvolle
Reinigungsmixtur des Charlottenburger Malermeisters Neumann werden. In der
U-Bahnstation Möckernbrücke stellte die BVG gestern mittag das potente
Putzmittel samt Erfinder der Presse vor. "Das Zeug ist ein absoluter Renner",
erläutert der Malermeister seine Erfindung. Zur Rezeptur gibt es jedoch nur
Andeutungen: "Da hab` ich einfach acht ganz normale Haushaltsreiniger
zusammengerührt. Aber auf die Mischung kommt es an." Die will sich Neumann
patentieren lassen.
Der Reportertroß bewegte sich zu einem eigens bereitgestellten U-Bahn-Zug.
"Da kann ich ja nur lachen", meinte der erfinderische Putzmann mit Blick auf
die zahlreichen Graffiti und machte sich ans Werk. Zwei Gesellen assistierten
ihm. Schon bald liegt ein ätzender Gestank in der Luft, aber, tatsächlich,
das weißlich schleimige Putzmittel löst die Malereien mühelos auf. "95
Prozent der Fahrgäste wollen einen sauberen Zug", verkündet derweil BVG
-Pressesprecher Göbel. Das wisse er aus Briefen. Über 90 Prozent der 1.238
BVG-Wagen seien "verschmiert", für Göbel "reine Sachbeschädigung". Seine
Begründung für die Putzoffensive: "Wo soll das denn enden, wenn man alles
duldet?" Ob das Putzgemisch denn auch gesundheitlich unbedenklich sei, will
eine Journalistin wissen. "Völlig unschädlich", versichert der Malermeister.
"Das ist nicht mein Problem", antwortet Göbel auf die Frage, warum es das
Phänomen Graffiti denn überhaupt gebe. Ein Fahrgast findet die Abwaschaktion
"beschissen". Göbels Kommentar: "Wir nennen es Schmiererei, und dabei bleib`
ich!"
Marc Fest