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T910527.167 TAZ-BERLIN Nr. 3414 Seite 22 vom 27.05.1991
88 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Wenn Mann nicht mehr kann
Wenn Mann nicht mehr kann
Männerberatungsstelle »Mannege« berät über den alltäglichen
Psychoterror unter der Gürtellinie: »Ich kann da unten nicht
loslassen«/ Häufig sind verdeckte Beziehungsprobleme die Ursache
Charlottenburg. Streß auf dem Klo: Viele Männer schaffen es am
stillen Örtchen nur allein - sobald ein Konkurrent auftaucht, versiegt ihr
Strahl. Mit dieser nicht seltenen Pinkelhemmung auf dem WC kann Mann noch
ganz gut leben. Das entsprechende Problem im Bett, die Ejaculatio retardata,
ist da schon fataler. Wenn man erst nach Stunden mühsam kommen kann, hat die
oder der andere oft schon die Nase voll.
»Ich kann da unten nicht loslassen« hieß das Thema eines Vortragsabends der
Männerberatung »Mannege«. Der Arzt und niedergelassene Psychoanalytiker
Professor Peter Diederichs erläuterte vor 35 Zuhörern, was im Unterleib des
Mannes passieren kann, »wenn der Körper weiter ist als der Kopf«: Nicht nur,
wer zu früh, zu spät oder gar nicht kommt, sondern auch, wer z.B. immer
wieder unter Harnröhren-, Blasen- oder Prostata-Entzündungen leidet, den
plagen in Wirklichkeit häufig verdeckter Beziehungsprobleme.
Frauenärzte wissen es schon lange: Oft muß der Unterleib als psychosomatische
Symptomstelle für seelische Probleme herhalten. Eine amerikanische
Untersuchung belegt, daß auch bei Männern 20 bis 40 Prozent aller
urogenitalen Beschwerden von seelischen Faktoren zumindest mitverursacht
werden - »trotzdem sind Urologen der Psychosomatik viel weniger
aufgeschlossen als Gynäkologen«, kritisiert Diederichs. Unnötig verschriebene
Antibiotika, überflüssige operative Eingriffe und nur scheinbar kurierte
Beschwerden, die dauernd wiederkehren, seien die Folge. Kein Extremfall: die
Einpflanzung einer Erektionsprothese in den Penis bei »nur« seelisch
bedingter Impotenz.
Schuld treffe allerdings auch die Patienten. Meistens kämen sie zum Urologen
»wie mit dem Auto zur Werkstatt« - in der Hoffnung auf eine möglichst
einfache und schnelle Reparatur. Die gesellschaftliche Macho-Konditionierung
des Mannes verhindere auch in den meisten Urologenpraxen, daß offen über
seelische Schwierigkeiten gesprochen wird. Die typische Urologenangst,
aufgrund der hauptberuflichen Beschäftigung mit dem männlichen Genital als
schwul zu gelten, komme erschwerend hinzu: Gerade ein Urologe gebe sich, weiß
Diederichs, oft überbetont männlich.
Auf der eingeengten Suche nach der körperlichen Krankheitsursache
überstrapaziere der Harnwegspezialist seinen Patienten oft durch seelisch
belastende Diagnosemethoden, z.B. durch eine Blasenspiegelung. Verläuft die
Fahndung erfolglos, reagiere der Mediziner zudem nicht selten »gekränkt«:
Brüske Diagnosen wie »Sie haben nichts« könnten dann das Leiden des Kranken
verschlimmern - ein Teufelskreis, den oft erst der Psychotherapeut
durchbrechen könne, meint Diederichs.
Die jungen Zuhörer bestätigten mit Fragen und eigenen Fallberichten die
kritischen Ausführungen des Psychoanalytikers. Matthias Bisinger von
»Mannege« kündigte die Gründung einer Selbsthilfegruppe zu der Problematik
an. Marc Fest
Mannege, Information und Beratung für Männer, Tel.: 8822370.