Copyright © contrapress media GmbH
T910528.127 TAZ Nr. 3415 Seite 20 vom 28.05.1991
103 Zeilen von TAZ-Bericht marc fest
Tausend Jahre Angst
Tausend Jahre Angst
Rosa von Praunheims Dokumentarfilm "Stolz und schwul" um 23.15 Uhr in
West 3 Aus Berlin Marc Fest
Rosa von Praunheim rätselt an seiner Veranlagung: Jahrelang galten die
kinematographischen Neigungen des schwulen Filmemachers hauptsächlich
charismatischen Selbstdarstellerinnen (Lotti Huber in Affengeil),
Individualistinnen in Ausnahmesituationen (Überleben in New York)
oder auch der eigenen Mutter (24. Stock). Kurz: Praunheim stand
auf Frauen. In Stolz und schwul hat sich der umstrittene
Schwulenaktivist nach langer Zeit wieder ans eigene Geschlecht herangewagt
und wundert sich darüber selbst: "Vielleicht liegt das ja am Alter", vermutet
der 49jährige, der zur Zeit an seinen Memoiren schreibt. Zu seinem neuen Film
porträtiert er drei schwule alte Männer zwischen 60 und 90.
Straps-Harry ist 84. Zum Interviewtermin mit Praunheim trägt er eine
Perlenkette, Ohrringe und rote Strumpfhosen, seine schulterlangen Haare hat
er in hellgrün gefärbt. In seiner Berliner "Dream Boys Lachbühne" fungiert
der gelernte Koch und Kellner seit einem Jahrzehnt als Transvestit,
Platzanweiser und Conferencier zugleich. Dabei gibt er sich kein bißchen
müde: "Mal zwei Tage kein Sex, und ich bin nicht zu gebrauchen", prahlt der
rüstige Paradiesvogel. Mit seinem sechs Jahrzehnte jüngeren Freund habe er
"gar keine Probleme". Straps-Harry schwärmt von den dreißiger Jahren in
Berlin. Auf rauschenden Kostümbällen habe er, damals 20, mit schönen Männern
Rumba und Charleston getanzt und sich auf der Kantstraße mit seinem Freund
problemlos "abknutschen" können. "Freier als damals geht es eigentlich gar
nicht", findet Straps- Harry heute. Die Nazis habe er ausgetrickst: Als "die
Tunten plötzlich alle weggeschafft wurden", heiratete er eine "Vorzeigefrau"
und tarnte sich als biederer Besitzer enes Nahrungsmittelbetriebes. "Ich
hatte keine Angst", behauptet der "Dream Boy" rückblickend. Doch ein paar
Sätze später enthüllt Praunheim mit seiner ungewohnt leisen und sensiblen
Gesprächsführung die Narben und kleinen Lügen in Straps-Harrys bunter Welt:
"Die ganzen tausend Jahre haben wir in Angst gelebt", bekennt er.
"Wir waren verloren und verkauft", erinnert sich der Opernsänger und
Schauspieler Kurt von Ruffin, heute 92, an die neun Monate seiner
Inhaftierung im Konzentrationslager Lichtenburg an der Elbe. "Die
Transvestiten wurden sadistisch demontiert, und die Stricher mußten die
Bewacher bedienen", erzählt der Offizierssohn aus aristokratischem
Elternhaus. Ein ebenfalls inhaftierter Schwuler hatte ihn kurz nach der
Röhm-Affäre denunziert, um sich selbst zu retten. Ruffin überlebte dank des
einflußreichen Direktors des Deutschen Theaters in Berlin. Kaum aus dem KZ
frei, stand Kurt von Ruffin schon wieder auf der Bühne - und spielte einen
Sträfling.
Weil seine Mutter Jüdin war, mußte der Opernregisseur und Frankfurter
Musikprofessor Andreas Meyer-Hanno, 59, drei Jahre vor Kriegsende das
Gymnasium verlassen. "Damals lernte ich einen aufrechten Gang", erinnert er
sich. Als heimlicher Schwuler gewöhnte er sich ein Jahrzehnt später den
Gleichschritt an - zusammen mit seinen Männerbekanntschaften beim
Treppensteigen, um so den verbotenen Besuch von den lauschenden Nachbarn zu
verbergen. Denn bei jeder verdächtigen Männervisite reichte der Anruf eines
mißtrauischen Obermieters, und die Sitte stand vor der Tür. Rosa von
Praunheims Stolz und schwul bietet nicht die schwule
Selbstbestätigungsrhetorik, die der protzige Titel verspricht. Fazit: Thema
verfehlt - und gerade deshalb sehenswert.